"Professor Bernhardi": Bedrückend zeitlose Demütigung
"Professor Bernhardi", Schnitzlers Studie über das Opfer eines antisemitisch motivierten Rufmords, wird in Dieter Giesings Burgtheater-Inszenierung zum Triumph für Joachim Meyerhoff.

Foto © APAerzweifelt integer: Joachim Meyerhoff, Martin Schwab, Caroline Peters in Schnitzlers "Professor Bernhardi"
Am Ende, als ihm ein abgeklärter alter Beamter eine Art Mitgefühl erweist, implodiert die mühsam gewahrte Contenance, muss Bernhardi seinen Tränen ihren Lauf lassen. Die Demütigung, bis zu diesem Moment eine düstere Kraftquelle, hier zeigt sie sich als schwarzer Abgrund. Denn Bernhardi wurde als "Religionsstörer" denunziert, vor Gericht gestellt und eingesperrt, nachdem er in Ausübung ärztlicher Pflicht einem Priester den Zutritt zu einer Sterbenden verwehrt hat. Damit wird der jüdische Klinikdirektor Opfer einer Rufmordkampagne, an der sich erst die werte Kollegenschaft, dann auch Presse und Politik jauchzend beteiligen.
Nicht von ungefähr wurde das von seinem Autor listig als "Komödie" etikettierte Stück in k.u.k. Österreich mit einem Aufführungsverbot belegt (die Uraufführung fand 1912 in Berlin statt). Schnitzlers Analyse des alltäglichen Antisemitismus in der Donaumonarchie kam der Realität viel zu nahe. Und es klingt schauerlich heutig, wenn auf der Bühne davon die Rede ist, wie schwer man es habe "als Deutscher und Christ in dieser Zeit", und dass es "gegenüber anständigen Juden" keinen Antisemitismus gibt. Täter gerieren sich als Opfer, die wahren Opfer werden verdächtig gemacht, so funktioniert Demagogie wie eh und je, auch wenn sie heute andere treffen mag.
Spröder Kämpfer
Regisseur Dieter Giesing kleidet das in eine atemberaubend dynamische Inszenierung, löst Schnitzlers schwerblütiges Konversationsstück in perfekt rhythmisierte Konfrontationsszenen auf und lässt seinen Hauptdarsteller Joachim Meyerhoff eine Figur entwickeln, die sich kein bisschen als Sympathieträger anbiedert. Ein spröder, starrköpfiger Bernhardi kämpft hier gegen seine Demontage, einer, der seine Verletztheit hinter pausenlos tigernder Bewegung durch gleißend weißen Raum (Karl-Ernst Herrmann) zu verbergen sucht und sie dabei umso deutlicher sichtbar macht. Fantastisch, wie Meyerhoff das hinkriegt. Und fantastisch der glitzernde Dialogstrom zwischen ihm und Nicholas Ofczarek als perfekt nach der Natur geformtem, schmierigem Politiker Flint, Roland Koch als kühlem Gegenspieler Ebenwald, Caroline Peters als verzweifelt integrer Professorin Cyprian. Mit Schauspielern wie Udo Samel, Martin Schwab, Branko Samarovski und dem jungen Christoph Luser ist das Stück bis in die kleinen Rollen luxuriös besetzt - entsprechend begeisterter Applaus.















