Einsichten über die Religion der Zukunft
Peter Seewald, der den Papst für das Buch "Licht der Welt" befragte, in einem seiner sehr seltenen Interviews. Im Gespräch mit der Kleinen Zeitung über Umbruch der Kirche und die Warnung vor dem Verlust der Wahrheit.

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Welche Momente in Ihrem Gespräch mit Papst Benedikt XVI. haben Sie besonders bewegt?
PETER SEEWALD: Mich hat bewegt, wie der Papst stets versucht, die Dinge gewissermaßen mit den Augen Gottes zu betrachten. Etwa in der Frage der Integration. Er spricht von einem Gott, den Christen als einen Gott der Liebe kennen, der niemanden ausgrenzt und schon gar nicht selektiert. Bei unserem Gespräch war die große Gottesnähe des Papstes zu spüren. Er hat das "Licht der Welt" gesehen und gibt dieses Licht weiter. Insbesondere durch die Einfachheit des Glaubens, die er vorlebt. Vernunft und Frömmigkeit finden hier eine faszinierende Symbiose, sie berühren das Herz. Ich muss sagen, ich bin, was die Entwicklung unserer Gesellschaft betrifft, mit einem sehr pessimistischen Bewusstsein in dieses Gespräch gegangen. Aber dann konnte ich etwas Wichtiges lernen. Nämlich dass christliches Denken die Zukunft, die ja immer auf Christus hin ausgerichtet ist, nicht als Bedrohung empfindet, sondern als Hoffnung.
Benedikt XVI. sieht die westliche Gesellschaft allerdings an einem Scheideweg: Entweder gleitet sie in einen Säkularismus ab oder sie entdeckt die Gottesfrage neu. Was macht den Papst Ihrer Meinung nach so zuversichtlich, dass eine Gesellschaft, die religiös oft taub ist, doch noch den richtigen Weg einschlägt?
SEEWALD: Das ist eine schwierige Frage. Denn zweifellos befinden sich Kirche und Gesellschaft in einem gewaltigen Umbruch. Die Kirche muss sich neu positionieren und weit deutlicher als bisher ihr Profil zeigen. Sie hat etwas zu sagen. Das Christentum ist etwas sehr kluges. Es hat aus dem Evangelium eine Botschaft gemacht, die auf die Fragen unserer Zeit antwortet. Es ist, wie Christen glauben, die Offenbarung schlechthin und ein Angebot der Heilung, der Rettung. Man muss das nur wieder besser sehen lernen, dann kann man all diese Dinge auch ganz neu entdecken. Der Papst hat die Hoffnung, dass die innere Kraft des Glaubens, die im Menschen da ist, dann auch wieder öffentlich mächtig wird. Es braucht halt die Übersetzungsarbeit, die verschütteten Schätze wieder zugänglich zu machen. Ohne Firlefanz. Dies könne allerdings nur gelingen, wenn Menschen das Christentum vom Kommenden her leben.
Gibt es so etwas wie eine Kernbotschaft des gesamten Gesprächs, ein zentrales Anliegen des Papstes, das sich wie ein roter Faden durch dieses Buch zieht?
SEEWALD: Ja, das ist die große Warnung und Mahnung an die Welt vor dem Verlust der Wahrheit und der Vergiftung des Denkens. Denn wenn Gott wegfällt, ein Gott, der uns kennt und uns anredet, verlieren wir die Grundlagen eines zivilisierten Daseins. Die große Aufgabe der Stunde sei deshalb für die Kirche, die Priorität Gottes neu ans Licht zu bringen. Und ich glaube, wir erleben im Moment mit, dass sich tatsächlich etwas dreht. Ich habe das Buch in Madrid, Mailand und Paris vorgestellt. Überall war eine Art Aufbruchstimmung zu spüren. Man will nicht mehr weitermachen wie bisher, sondern sein Christentum wieder ernster nehmen und authentischer leben. Hinzu kommt, dass in den Augen der Öffentlichkeit die Gegner des Papstes zu weit gegangen sind. Sie haben in den Zerrbildern, die sie lieferten, eindeutig überzogen.
Sie halten den Papst aus Deutschland für eine der am meisten missverstandenen Persönlichkeiten unserer Zeit. Woran liegt das?
SEEWALD: Ratzinger ist unbequem. Er provoziert den Lifestyle. Die Geschichte aber wird zeigen, dass seine Positionen zeitlos richtig sind.
Features
Zur Person
Peter Seewald trat als typischer 68er aus der Kirche aus. Ein Interview mit Kardinal Ratzinger 1996, aus dem das Buch "Salz der Erde" entstand, war der Anlass für eine Rückbesinnung des Journalisten; er trat wieder in die katholische Kirche ein. 2010 folgte mit "Licht der Welt" ein weiteres Buch mit Papst Benedikt.
Vortrag: Am Samstag (9. 4.; 18 Uhr) führt der Autor im Bildungshaus Sodalitas in Tainach/Tinje (Kärnten) "Ein Gespräch über das Gespräch mit Papst Benedikt XVI".















