Die kleinen Tricks der "Tatort"-Macher
Wird sonntags beim "Tatort" geschwindelt und gar nicht am Tatort gedreht? Ein neues Buch rechnet mit regionalen Klischees und vorgetäuschtem Lokalkolorit in der berühmtesten Krimireihe von ARD und ORF ab.

Foto © ORF
Was haben Kiel, Konstanz und Köln gemeinsam? Sie und viele Städte mehr werden sonntags zum "Tatort". Fast jedes Bundesland kommt dran, dazu Österreich - auf die regionale Vielfalt ist die ARD stolz. Doch die Darstellung der unterschiedlichen Städte und Regionen reduziert sich allzu oft auf billige Klischees, behauptet ein neues Buch, das sich wissenschaftlich mit den TV-Krimis auseinandersetzt. Oder zugespitzt formuliert: Statt echten Lokalkolorits gibt es gängige Postkarten-Motive, wo im "Tatort" Hamburg oder Frankfurt draufsteht, ist nicht mehr Hansestadt oder Mainmetropole drin als in einer Schneekugel.
Häufig beschränkten sich die "Tatort"-Macher darauf, bekannte Wahrzeichen und signifikante Stadtansichten zu zeigen, um so etwas wie Lokalkolorit zu erzeugen. So ist im Hintergrund stets der Kölner Dom zu sehen, wenn die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) an der Imbissbude ihre Wurst mampfen.
Bei den Postkartenmotiven bleibt für authentische Bilder und echtes Lokalkolorit nur wenig Platz: "Der ?Tatort' thematisiert zwar Heimat, abbilden kann und will er sie aber nicht", heißt es. Kein Wunder: Große Teile der Krimis entstehen oft gar nicht in den Städten, in denen sie spielen, sondern aus ganz simplen Kostengründen dort, wo auch Sender und Produktionsfirmen sitzen.
So wird der "Tatort" aus Münster mit dem populären Duo Thiel (Axel Prahl) und Boerne (Jan Josef Liefers) zum großen Teil in Köln gedreht, wo der Westdeutsche Rundfunk (WDR) zu Hause ist, die in Ludwigshafen spielenden Krimis mit der von Ulrike Folkerts verkörperten Lena Odenthal im beschaulichen Baden-Baden, wo der Südwestrundfunk (SWR) einen seiner Hauptstandorte hat. Damit es trotzdem nach der pfälzischen Industriestadt aussieht, werden ein paar imposante Bilder von Ludwigshafener Chemieanlagen, qualmenden Fabrikschloten und aus der Vogelperspektive gefilmten Rheinbrücken eingestreut.
Die gleichen Büros
Bei Innenmotiven nimmt die Schummelei sogar "noch skurrilere Formen an", wie der Szenenbildner Klaus-Peter Platten in seinem Beitrag für das Buch schreibt. So hat der SWR sämtliche Kommissariate der drei von dem Sender produzierten "Tatorte", also die Büros von Klara Blum (Konstanz), Lena Odenthal (Ludwigshafen) und dem von Richy Müller und Felix Klare gespielten Ermittlerduo Lannert und Bootz (Stuttgart) auf verschiedenen Stockwerken in ein und demselben Gebäude in Baden-Baden eingerichtet. "Zusätzlich befindet sich im Kellergeschoss eine Pathologie, die sich alle Kommissare teilen", erklärt Platten.
Features
Fakten
Julika Griem/Sebastian Scholz (Hg.): "Tatort Stadt. Mediale Topographien eines Fernsehklassikers". Campus-Verlag.















