Veit Heinichen stellt neuen Roman vor
Veit Heinichen verbindet auch in seinem neuen Roman Krimispannung mit gut recherchierten Darstellungen lokal-globaler Verknüpfungen von Wirtschaft, Politik und Verbrechen. Am Donnerstag liest der Autor in Klagenfurt.

Foto © KanizajVeit Heinichen
Herr Heinichen, wir sitzen in einem österreichischen Kaffeehaus. Ich bestelle einen Cappuccino und kriege einen Cappuccino. In Trieste bekäme ich einen Caffè macchiato, wie ich aus Ihrem neuen Buch weiß. VEIT HEINICHEN: Ja. Außer man würde Sie gleich als Tourist erkennen. Der Cappuccino heißt Caffè latte.
Man lernt viel über Kaffee in "Keine Frage des Geschmacks".
HEINICHEN: Das ist eine faszinierende Welt. Genau so spannend wie die des Weins oder die des Olivenöls.
Und wie oft trinken Sie ein Schälchen Kopi Luwak, eine Kaffeespezialität mit dem Kilopreis von tausend und mehr Euro?
HEINICHEN: Selten.
Heinichen wäre nicht Heinichen, ginge es nicht auch um lokale Geschichte und um globale Verhältnisse.
HEINICHEN: Stimmt. Es geht mir immer um gesellschaftliche Aspekte, um die Demokratie, in der wir leben. Diesmal speziell um Kolonialgeschichte, die man auch nicht mit dem Lichtschalter abdrehen kann. Beim Thema Kaffee liegen natürlich die Verstrickungen Italiens mit Abessinien, dem heutigen Äthiopien, nahe. Was hier passiert ist, reicht bis in die Gegenwart, es hat mit uns zu tun.
Etwas anderes zieht sich thematisch durch den neuen Roman: der Umgang mit Bildern. Ihre Macht, die vielfältigen Möglichkeiten, sie zu missbrauchen.
HEINICHEN: Das hat sich im Lauf der Arbeit immer stärker ergeben. Und es hat sich gezeigt, dass es nichts Neues ist. Eine Schwester von Kaiserin Elisabeth, eurer Sisi, wurde schon mit einer gefälschten Daguerreotypie erpresst. Es gibt unzählige Fälle politischer Bildfälschungen.
Zu den Missbrauchsmöglichkeiten medialer Macht ist da nur ein kleiner Schritt. Sie deuten diese Macht in Ihrem neuen Werk an.
HEINICHEN: Es ist entsetzlich, wie Menschen via Television massiv verblödet werden.
À propos: fünf Ihrer Proteo Laurenti-Krimis wurden für das Fernsehen verfilmt. Wann folgen die Fälle 6 und 7?
HEINICHEN: Ich habe die Rechte nicht freigegeben.
Hat das mit jenen Erfahrungen mit TV-Teams zu tun, die in "Keine Frage des Geschmacks" einen der Hintergründe bilden?
HEINICHEN: Nicht direkt. Aber ich habe tatsächlich noch in keiner Branche so schlecht über die Kundschaft reden hören wie hier.
Bleiben wir bei der Macht der Medien, die in Ihrer Wahlheimat Italien ja mehr oder weniger mit der politischen Macht des Ministerpräsidenten gekoppelt ist. Ist Italien noch eine Demokratie?
HEINICHEN: Diese Verquickung ist, Stichwort: Verblödung, natürlich schlimm. Andererseits ist manches in Italien progressiver als anderswo. So ist die Staatsanwaltschaft in der Verfassung als absolut unabhängig verankert. Das heißt nicht, sie ist unkorrumpierbar, aber sie kann weisungsfrei handeln. Deswegen kommt in Italien mehr hoch, wird mehr über Skandale berichtet. Und letztlich, meine ich, ist die Reichweite des Gesetzes größer als anderswo.
Warum geht Berlusconi dann immer noch ungestraft um?
HEINICHEN: Weil er nicht dumm ist und kluge, wenn auch gewissenlose Leute in seinem Team hat. Die offenbar alle George Orwell gut gelesen haben. In "1984" gibt es das Ministerium für Wahrheit, das ständig die Geschichte manipuliert, und das Ministerium für Liebe, in dem Gehirne gewaschen werden. Es ist kein Zufall, dass Berlusconi seine Partei immer wieder die Partei der Liebe und der Wahrheit nennt.
Und das reicht?
HEINICHEN: zusammen mit der Tatsache, dass die Opposition zu diesem System Berlusconi extrem schwach ist. Italiens Linke hat ein enormes Kommunikationsproblem. Wie ich es im neuen Buch beschreibe: als ob sie sich vor den Wählern fürchtete.
Es heißt, Sie wollen neuer Bürgermeister Ihrer Wahlheimatstadt Triest werden?
HEINICHEN: Nein! Ich gehöre keiner Partei an. Aber ich sehe mich als aktiven Beobachter der Zivilgesellschaft. Als solcher mische ich mich ein, rede mit Politikern, mache Vorschläge. Wie in meinen Büchern versuche ich, nahe an der Wirklichkeit zu bleiben.
Sie bezeichnen Ihre politische Einstellung als Mitte-Links?
HEINICHEN: Das Links-Rechts-Konzept ist natürlich zunehmend fragwürdig. Aber in Ermangelung von Besserem: ja.
Proteo Laurentis achter Fall ist bereits konzipiert?
HEINICHEN: Überhaupt nicht! Ich habe beim Schreiben des ersten Buchs nicht ans zweite gedacht, beim vierten nicht ans fünfte. Ich sehe jeden Roman als eigenständig, versuche andere Strukturen zu finden, einen anderen Rhythmus. Ich sehe mich als Vertreter des Noir mediterraneo. Wie Massimo Carlotto, Yasmina Khadra, Petros Markaris, Autoren, die jeweils eigene Wege gehen.
Und manchmal anecken. Wegen eines Vorworts zu Richard Schneiders Buch "Tatort Hypo Alpe Adria" hat Sie ein Ex-Manager dieser Bank verklagt?
HEINICHEN: Ja. Ich sehe einem Prozess gelassen entgegen.
Gibt es andere Projekte?
HEINICHEN: Keine konkreten. Ich bekomme immer wieder Anfragen, Filmdrehbücher zu schreiben. Das würde mich interessieren, aber da ist noch nichts wirklich spruchreif.
Eine Frage, die Sie in diesen Tagen besonders beschäftigt?
HEINICHEN: Warum sind wir nicht schon längst vor den libyschen Botschaften in aller Welt gestanden und haben Demokratie für das Land gefordert? Wir hätten das aus einer bequemen Position tun können. Aber es hat uns nicht interessiert. Schlimmer - die Tyrannen wurden gestützt, man hat mit ihnen Geschäfte gemacht.
Features
Video
Veit Heinichen stellt am Donnerstag um 19:00 sein neues Buch in der Buchhandlung Heyn in Klagenfurt vor.
Kleine.tv ist vor Ort. Ein Video-Interview mit dem Auto finden Sie hier am späteren Abend.
Zur Person
Veit Heinichen, geboren 1957 in Villingen-Schwenningen, Baden-Württemberg; 1994 Mitbegründer des Berlin Verlags, bis 1999 Geschäftsführer.
2001 Proteo Laurentis erster Fall "Gib jedem seinen eigenen Tod", seither sechs weitere Fälle, fünf davon verfilmt.
Veit Heinichen lebt in Triest.
www.veit-heinichen.de















