Geh voran, bleibt alles anders
Radiohead veröffentlichen ihr neuestes Album am Samstag im Internet. Ohne Plattenfirma, ohne Promotion, aber mit einem Plan: die leichtfüßige Revolution der Musikindustrie. Die Chancen stehen gut, dass es dieses Mal klappt.

Foto © APAThom Yorke: Triebfeder Innovation, in- und außerhalb des Proberaums
Er ist ein Sonderling und diesem Ruf vieles schuldig. Klein, kauzig und gekonnt kompliziert ist das Fremdartige die Konstante im Schaffen des Thom Yorke, dem triefäugigen Pop-Genie mit Schaffensbreite zwischen Rock und Elektronik, bevorzugt in Form der vertrackt melancholischen Anti-Hymne. Er ist der singende Vorsteher und Ideengeber der vielleicht wichtigsten Band dieser Welt: Radiohead. Als die fünf Briten am Montag mal eben, betont unbetont, einen Link auf Facebook stellten, hielt das bloggende, downloadende und stets hyperaktive Internet für einen Augenblick inne, scheinbar überwältigt von dem Geschehenen und den eigenen Möglichkeiten. Hinter dem Link verbarg sich die Ankündigung des neuen, mittlerweile achten Albums der Band: "The King of Limbs“. Es koste sieben Euro. Und erscheine in fünf Tagen. Zum Download, direkt auf der Band-Homepage. Wer will, kann auch eine Vinyl-Version mit allerlei sammelnswertem Beiwerk vorbestellen. Sonst stand da nichts.
Songpremiere: Lotus Flower
Als das Internet wieder Luft holte, dürfte Thom Yorke ein spitzbübisches Grinsen im struppigen Gesichtshaar getragen haben. Die Band-Homepage brach zusammen. Danach die Fan-Foren und bekannte Musik-Blogs. Letztendlich war sogar die Seite des britischen Rock-N-Roll-Knigge "NME" nur noch schwer zu erreichen. Radiohead genießen Kultstatus in der Online-Welt (und nicht nur dort), seit sie 2007 ihr bis dato letztes Album "In Rainbows" ebenfalls zum Download ins Netz stellten. Der Clou: Den Preis für die Musik bestimmte der Hörer. Von 0 bis 100 Euro war alles erlaubt, nichts verboten.
Stillstand ist der Tod
Seither ist nichts wie vorher, in den Büros der Plattenbosse nicht und in den CD-Regalen der Hörer auch nicht. Radiohead, so munkelt man in der Industrie, haben an "In Rainbows“ gut verdient, im Schnitt zahlten Downloader sieben Euro für die Platte. Alle sieben landeten in den Taschen der Band, pro Download - und davon gab es Millionen. Ein gigantischer Sprung, ist es doch üblich, dass Bands pro verkaufter CD nur einen einstelligen Prozentanteil erhalten. So kommen Plattenfirmen für Marketing auf, drehen Videos, machen niedliche Hits zu Stadion-Hymnen aus der VW-Werbung. Doch Radiohead vermarkten sich nicht. Videos gibt es kaum, stattdessen sporadische Jam-Sessions, übertragen im Internet. Konzert-Mitschnitte werden von Fans selbst gemacht, die Band stellt dafür die Tonabmischung zur Verfügung. Zu haben ist all das alles online. Gratis, versteht sich.
Spärliche Infos
Inhaltlich kommentiert wird das Album von Radiohead auf der Webseite bis dato noch nicht. Neben dem Albumcover bleibt ein bloßes "Thank You For Waiting" die einzige Information zu "The King Of Limbs".
Radiohead haben sich der Mittelsmänner entledigt. Sie kommunizieren und verkaufen direkt. Plattenfirmen, die wie unbewegliche Giganten seit Jahren gegen das Internet ankämpfen, anstatt darin aufzugehen, können ihrer Daseinsberechtigung bald nur noch nachwinken. Stillstand ist der Tod im Internet. Ausweglos scheint heute ihre Situation, nicht jedoch jene der Künstler. Seit Montag fällt der Name "Radiohead" laut Suchmaschinen-Rankings im Internet doppelt oft wie jener zweier prominenter Popstars, die derzeit ebenfalls neue Platten (und Filme) bewerben: Lady Gaga und Justin Bieber. Trotz einer gigantischen Marketing-Maschinerie dreht sich alles um diesen Samstag, um sieben Euro. Um fünf Briten, die kein einziges Interview oder Konzert gaben und keine Single veröffentlichten. Noch nicht einmal die Namen der Lieder geschweige den deren Anzahl sind bekannt.
"Es ist die machtvollste Sache überhaupt", sagte Radiohead-Bassist Colin Greenwood letztes Jahr auf die Frage, wie die vermeintlichen Interessensgegensätze Internet und Musik zusammenpassen. "Wir entscheiden, wann und wie wir etwas veröffentlichen". Thom Yorke fügte an: "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich das Musik-Establishment auflöst". Ihn freut das - und das Beispiel macht Schule: Immer mehr Bands trennen sich von ihren Labels und veröffentlichen Musik im direkten Kontakt zur Fangemeinde. Trent Reznor und die Industrial-Rocker Nine Inch Nails etwa. Der US-Rapper Saul Williams. Prince legte sein letzten Album einer britischen Zeitung bei und verteilte es bei Konzerten - gratis. Selbst alte Rock-Haudegen wie R.E.M. veröffentlichten fast die Hälfte ihres neuen Albums vorab im Netz und denken laut darüber nach, künftig lieber ohne Plattenfirma weiterzumachen.
Der erste Stein fehlt in der Mauer
Radiohead waren schon Stars, als sie sich entschieden haben, einen anderen Weg zu gehen. Es ist auch heute noch immer Aufgabe der Plattenfirmen, hoffnungsvolle Newcomer ins Radio zu bringen. Dafür kann ihre mächtige Infrastruktur auch in Zeiten des Internet noch dienen. Doch auch hier gibt es bereits Online-Angebote, die diese Aufgabe übernehmen, die die letzte Bastion der Plattenfirmen angreifen und ihre letzte Mauer Stein für Stein abtragen. Radiosender wie das deutsche MotorFM spielen ihre Songs im Netz und bieten sie auch gleich als Link zum Download an - ein Euro pro Song. Mit erstaunlichem Erfolg. Bands wie die "Artic Monkeys" waren schon Stars, als sie ihren Plattenvertrag unterschrieben. Sie stellten ihre Songs ins Netz, auf MySpace und iTunes, wo sie millionenfach gehört und heruntergeladen wurden.
Auffallend ist, dass hinter vielen innovativen Online-Projekten altbekannte Namen der Musikbranche aufscheinen. Durch die einbrechenden Verkaufszahlen setzten die Labels in den letzten Jahren eine ganze Schar Bands und Manager vor die Tür. Diese treffen sich nun wieder: Im Netz, wo die Spielregeln der alten Arbeitgeber nicht länger gelten.
In seltener und umso bemerkenswerter Gleichzeitigkeit werden am Samstag Millionen Menschen ihren Computer starten, um "die neue Radiohead" zu hören. Es wird diskutiert werden über Musik, in den Foren und Blogs und die Medien werden wechselweise Auferstehung und Untergang der Musikindustrie prophezeien. Thom Yorke und seine Band werden dann längst wieder in der Anonymität verschwunden sein. Sie haben nichts gesagt, nur schöne Musik gemacht. Diese steht im Mittelpunkt, wird bleiben und beschäftigen, Hörer wie Plattenbosse. Das ist der eigentliche Erfolg. Sag zum Abschied leise "Hallo".
Features
Preisfrage
Als Downloadformate stehen ab Samstag MP3 (um 7 Euro) und WAV (um 11 Euro und in besserer Audioqualität) zur Verfügung, darüber hinaus wird an einen Käufer der digitalen Version des Albums eine Vinyl-Single mit zwei Liedern verlost, die von der Band unterschrieben wurde.
Sammlerobjekt
Für Fans mit dem nötigen Kleingeld gibt es auch eine "Newspaper"-Version zu erstehen: Diese beinhaltet neben dem digitalen Download das Album auch auf CD und Vinyl sowie umfangreiches Artwork - auf der Webseite wird von 625 kleinen Objekten und einigen großformatigen Drucken gesprochen.
Versandt wird das Gesamtpaket um 36 (mit MP3-Files) bzw. 39 Euro (WAV-Files) allerdings nicht vor dem 9. Mai, den Download gibt es aber schon am Samstag.















