Todesfuge mit zwei Stimmen
Der Kärntner Alfred Goubran, als Autor und Verleger eine Fixgröße im Literaturbetrieb, hat mit "Aus." seinen ersten Roman vorgelegt.
Ein der schwer verunfallten Mutter aus dem Leib geschnittenes, nicht überlebensfähiges Kind ist beerdigt worden. Zwei Männer legen den langen Fußmarsch vom Zentralfriedhof Richtung Innenstadt schweigend zurück. Den Journalisten Georg Münther führt sein Weg vom Begräbnis seiner Tochter ins Spital, wo seine Frau, eine Schauspielerin, auf der Intensivstation für Verbrennungsopfer mit dem Tod ringt. Sein bester Freund, der Theaterdisponent Muschg, begleitet ihn. Über 400 Seiten mäandriert der Gedankenfluss der beiden in Alfred Goubrans Debütroman "Aus.", kreist um dieselben Themen, ohne, dass die beiden je ein direktes Wort miteinander wechseln.
Traurig ist der Anlass, düster sind ihre Gedanken, finster ist ihre Weltsicht. Zur privaten Katastrophe gesellt sich die berufliche und die gesellschaftliche Verschwörung, der sich die beiden Männer gegenübersehen. "Ein Don Juan wollte man sein und ein Don Quijote ist man geworden", heißt es schon bald. "Münther und Muschg, Laurel & Hardy, täglich sind wir den absurdesten Anschlägen durch unsere Kollegen ausgesetzt, er in der Redaktion, ich im Theater und eigentlich, denke ich, könnten wir uns jeden Abend den Bauch halten vor Lachen, auch über uns selbst, doch dazu fehlt uns offensichtlich das Temperament oder die Lebensfreude (...)" Es ist eine zweistimmige Suada in Endlos-Sätzen, die sich vor dem Leser ausbreitet, vorgetragen von zwei Schmerzensmännern in ihren dunkelsten Momenten.
Alfred Goubran (46), aufgewachsen in Kärnten und als Übersetzer, Autor und Verleger seit langem Fixgröße im heimischen literarischen Betrieb, hat seine Opposition gegen jede Art von unreflektierter Bequemlichkeit und gegen das Arrangement mit verkrusteten Verhältnissen aus seinen pointierten Essays wie "Der Pöbelkaiser" auch in seinen ersten Roman eingearbeitet. Und er ist als Dichter Aumeier auch selbst präsent, inklusive Zitat aus seiner, Goubrans, für heuer angekündigten nächsten Publikation, der "Kleinen Landeskunde".
Nazi-Recherche
Aumeier ist der zweite Tote, um den die Gedanken der beiden Freunde kreisen. Bei einem von der Polizei als Selbstmord zu den Akten gelegten Fenstersturz ums Leben gekommen, hat er Recherchen hinterlassen, die in die Zeit des Nationalsozialismus führen. Die Familie von Münthers Frau scheint damals mit der Glasindustriellen-Familie Höller verbunden gewesen zu sein und ihr Anwesen als Entbindungsheim für in den Höller'schen Fabriken tätige Zwangsarbeiterinnen gedient zu haben. Die Unterlagen legen nahe, dass Aumeier dabei war, die von den Höllers errichtete Mauer des Schweigens zum Einsturz zu bringen und ein Treffen mit dem Familienpatriarchen bevorstand.
Mit Thomas Bernhard ist noch ein weiterer Dichter in "Aus." unübersehbar präsent, stilistisch ebenso wie in wiederholten Anspielungen (auch der Name Höller ist aus dessen Oeuvre wohlbekannt). Auch auf Bernhards berühmtestes Zitat stößt man: "Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt." Alfred Goubran arbeitet sich in seiner großen, zweistimmigen Todesfuge daran ab. Und wandelt es um: Es ist alles lächerlich, wenn man nicht an den Tod denkt. So verläuft die bittere Wanderung der beiden Männer entlang von Kapitelüberschriften wie Lethe, Styx und Acheron zwischen dem Hader mit den Katastrophen des Diesseits und ihrem Aufbegehren gegen den Hades. "Was soll so ein Mensch tun, Anna. - Weiterleben? Es bleibt ihm nichts anderes übrig. Weiterhoffen."
Features
Zu Person und Buch
Alfred Goubran, geb. 1964 in Graz, aufgewachsen in Kärnten, lebt in Wien. Schriftsteller (u. a. "Der Pöbelkaiser", Residenz 2002; "Tor", Erzählung, Kitab 2008), Übersetzer und Verleger (edition selene).
Alfred Goubran: Aus. Braumüller Literaturverlag, 21.90 Euro.















