Mit Windeln im Konzertsaal: Orchester spielt nur für Babys
Die Staatskapelle Weimar hat eine neue Zielgruppe entdeckt: Babys. Zwischen Beethoven, Tschaikowsky und Wickeltisch werden die Kleinsten in die Welt der klassischen Musik eingeführt.

Foto © nationaltheater-weimar.deEin Nickerchen in der Trommel - warum auch nicht?
Vitus ist vier Wochen alt und besucht schon ein klassisches Konzert. Bei den ersten Tönen der Tuba beendet er sein Nickerchen im Baby-Tragetuch. Rings um ihn im Foyer des Deutschen Nationaltheaters Weimar (DNT) sitzen, liegen, krabbeln, krähen etwa 50 Säuglinge, die meisten noch kein Jahr alt. Sie sind das jüngste Publikum des traditionsreichen Hauses mit der Staatskapelle Weimar, auf deren Spielplan in dieser Spielzeit erstmals Babykonzerte stehen. An eigens für sie reservierten Terminen zu familienfreundlichen Zeiten können die jungen Eltern mit ihrem Nachwuchs Musik genießen. Die Nachfrage ist groß. Alle Konzerte und Wiederholungstermine sind bereits ausverkauft.
Programm für alle Baby-Sinne
"Wer ein Baby hat, findet ja normalerweise kaum Zeit für einen Konzertbesuch", sagt Orchesterdirektor Nils Kretschmer. Mehrstündige Konzerte im großen Haus seien für das gemeinsame Musikerlebnis von Eltern und Kleinkindern auch nicht unbedingt geeignet. "Die dauern zu lange und die Eltern können ihre Säuglinge schließlich nicht an der Garderobe abgeben." Die Babykonzerte in ungezwungener Atmosphäre hingegen sind auf maximal 45 Minuten begrenzt, die renommierte Staatskapelle spielt in kleinster Besetzung.
Zwischen Beethoven und Wickeltisch
Bei Vitus erstem Konzert stehen Stücke von Beethoven, Tschaikowsky und Gershwin auf dem Programm, auch eine Bach-Fuge und ein Volkslied aus Israel. Die Musiker Jens Pribbernow, Georg Bölk und Andre Kassel spielen Tuba, Horn, Alphorn und Klavier. Und neben der geeigneten Musik haben die Organisatoren auch an die praktischen Dinge gedacht: Im Foyer liegen Krabbelmatten aus, im Nebenraum steht der Wickeltisch und der Kassenraum ist Buggy-Parkplatz. Die Matten sind den Knirpsen bald zu klein. "Bitte achten Sie darauf, dass die Kinder den Notenständer nicht umwerfen", bittet Musikpädagogin Kerstin Klaholz die Eltern. In die großen Alphörner würden einige der kleinen Abenteurer am liebsten hineinkrabbeln, doch zum Schutz der empfindlichen Baby-Ohren heißt es: Sicherheitsabstand einhalten. Das spiegelnde Blech der Tuba staunen die Kleinen mit großen Augen an.
"Ab einem Alter von drei bis vier Monaten können Babys nachweislich Rhythmen, Tonhöhen und Melodien wahrnehmen", sagt der Kinderneurologe Ulrich Brandl vom Klinikum der Friedrich-Schiller- Universität Jena. Für Babykonzerte geeignet seien besonders Stücke mit einfach erkennbaren Melodien und klaren Rhythmusfolgen wie in der Barockmusik und bei Mozart-Kompositionen. "Allerdings sollte man den Wert von Babykonzerten für die Gehirnentwicklung bei Kleinkindern auch nicht überschätzen."
Programm für alle Altersgruppen
Babykonzerte gehören inzwischen zum Repertoire mehrerer deutscher Theater und Orchester. Erstmals vor einigen Jahren an der Kölner Philharmonie veranstaltet, gibt es sie auch in Hamburg und an den Theatern Freiburg und Passau. In der Klassikerstadt Weimar hat das Theater mit dieser Konzert-Art die letzte Lücke in der Nachwuchsarbeit geschlossen. "Jetzt können wir von Konzerten für Babys bis zu Symphoniekonzerten für Jugendliche für alle Altersgruppen etwas bieten", freut sich Nils Kretschmer, der kein Hehl daraus macht, dass dies für das Theater auch Selbstzweck ist. "Das sind unsere Zuschauer der kommenden Jahre."
So weit denkt Sarah Schreier, die Mutter von Vitus, noch nicht voraus. Für sie ist etwas anderes nahe liegend, als die letzten Töne verklungen sind. "Ab nach Hause", sagt die 30-jährige Mediengestalterin, während sie sich geschickt das Tragetuch umschlingt. "Vitus hat jetzt Hunger."














