"Oben zu bleiben, ist sehr schwer"
Anna Netrebko, die populärste Operndiva unserer Zeit, äußert sich ganz offen über ihre Anfänge, die Härten ihres Berufs, die Verantwortung des Künstlers und die sehr begrenzte Dauer einer Weltkarriere.

Foto © APAAnna Netrebko mit ihrem Mann Erwin Schrott
Wie fing eigentlich alles an? Was war Ihr erster Job an der Oper in St. Petersburg?
ANNA NETREBKO: Lassen Sie mich jetzt bitte nichts über das Schrubben der Fußböden erzählen - das
war doch kein richtiger Job. Wir waren jung und wollten viel Zeit im Theater verbringen. So konnten wir uns die Aufführungen - Oper, Ballett, Konzerte - ansehen, ohne dafür bezahlen zu müssen. Dort als Reinigungskraft zu arbeiten, war sehr praktisch. Während meiner ersten Studienjahre war ich zwei Jahre lang da beschäftigt. Das war genug.
Magazine wie der "Playboy" bezeichneten Sie als sexy. Was verriet das über die Klischees der klassischen Oper? Wie stellte Ihr Image diese Klischees infrage?
NETREBKO: Schwer zu sagen. Ich würde behaupten, wer nicht richtig singen kann, wird nicht ernst
genommen. Vielleicht wird man für ein paar Tage in den Himmel gehoben. Wenn man aber nichts
kann, stürzt man einfach wieder hinunter. Gutes Aussehen und eine gewisse Verrücktheit helfen
einem in diesem Metier nicht weiter. Es ist ein sehr ernst zu nehmender Beruf. Viele Leute meinten, ich hätte keine Stimme und kein Talent. Das Ganze sei nur ein Hype um meine Person. Aber wissen Sie was? Das geht zum einen Ohr hinein, zum anderen wieder hinaus. Wie kann man beweisen, was man wirklich kann? Man muss arbeiten - und das habe ich getan. Ich habe weiterhin meine Fotoshootings gemacht, aber ich war immer sehr gewissenhaft. All meine Kollegen können Ihnen das bestätigen.
Inwiefern trägt Ihr Image dazu bei, die Oper populärer und zugänglicher zu machen?
NETREBKO: Ich weiß nicht, ob ich dazu beitrage, die klassische Musik einem breiteren Publikum näher zu bringen. Das Publikum muss nach wie vor lernen, die klassische Musik zu lieben - nicht bloß das Bild davon, sondern die Musik selbst. Das allein ist wichtig.
Man hört oft, Sie seien eine sehr lebhafte Person. Verspüren Sie manchmal den Druck, sich einschränken zu müssen, um sich und Ihre Stimme zu schonen?
NETREBKO: Nein! Ich bin, wer ich bin. Aber natürlich bringt dieser Beruf Verantwortung mit sich. Ich muss Acht geben. Ich kann nicht die ganze Nacht lang feiern und dann ein paar Tage nicht einsatzfähig sein. Ich habe einfach nicht die Zeit, mich ein paar Tage lang zu erholen.
Wieso wählt man Sie Ihrer Meinung nach speziell für die jungen Rollen aus?
NETREBKO: Bei der Oper geht es immer um die Stimme und die Möglichkeiten. Meine Stimme ist ein lyrischer Sopran, deshalb kann ich bestimmte Rollen singen und das sind normalerweise die jungen Mädchen. Wäre meine Stimme ein dramatischer Sopran, würde ich Giacomo Puccinis "Tosca" singen - alle diese ernsten, dramatischen Heldinnen.
Wann werden Sie zu den älteren dramatischen Rollen übergehen und wie fühlen Sie sich bei diesem Gedanken?
NETREBKO: Oh, das werde ich bald tun müssen. Meine Stimme verändert sich und ich möchte auch gern etwas Neues ausprobieren. Ich weiß nicht, was geschehen ist. Ich denke, dass meine Stimme nach der Geburt meines Sohnes Tiago Aruã 2008 an Umfang gewonnen hat. Manchmal lese ich Kritiken, in denen steht, dass meine Stimme zu gewaltig sei und ich mehr dramatische Rollen singen sollte. Vielleicht versuche ich das, aber langsam, denn wenn man zu schnell vorgeht, kann man seine Stimme zerstören. Das ist bereits vielen Sängern passiert. Ich muss also vorsichtig sein.
Lässt der Druck eigentlich nach, wenn man ein Star ist?
NETREBKO: Nein, der Druck, bei einer Aufführung gut zu sein, verschwindet nie. An die Spitze zu gelangen, ist die eine Sache. Oft geht das auch ziemlich schnell. Dort oben zu bleiben, ist jedoch sehr schwer. Es sind wirklich nur ein paar Jahre, ein paar goldene Jahre, in denen man ganz oben auf der Karriereleiter stehen kann.
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Fakten
Anna Netrebko, geboren am 18. 9. 1971 in Krasnodar (Russland).
Studium in St. Petersburg.
1993: Gewinnerin des Glinka-Wettbewerbs in Moskau.
1994: Engagement an das Mariinski-Theater St. Petersburg.
1998: Debüt bei den Salzburger Festspielen.
2003: Debüt an der Wiener Staatsoper.
2006: Österreichische Staatsbürgerschaft.













