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Zuletzt aktualisiert: 08.10.2010 um 21:43 UhrKommentare

"Wir sind noch immer das Stammbeisl"

Der ORF bleibt auf Sparkurs. Bis 2012 sollen zusätzlich 150 Mitarbeiter abgebaut und die Kosten in den nächsten beiden Jahren um weitere 80 Millionen Euro gesenkt werden. Das kündigt ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz an.

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Werden Sie sich im nächsten Jahr um Ihre Wiederwahl bemühen?

ALEXANDER WRABETZ: Sie müssen sich gedulden, ich will jetzt in den nächsten Monaten, wenn intern wichtige Weichen zu stellen sind, keinen Wahlkampf im Haus, der alles überlagert.

Wie weit ist der ORF bei der Bewältigung seiner Mehrfach-Krisen?

WRABETZ: Vor zwei Jahren sind alle Widrigkeiten auf unheilvolle Weise zusammengekommen: Lehman-Pleite, Wirtschaftseinbruch, drastischer Rückgang der Werbeerlöse, Digitalisierung. Dem ORF drohte damals ein Verlust von 100 Millionen Euro und die Frage stand im Raum: Gibt's den ORF in zwei Jahren überhaupt noch? Müssen einzelne Kanäle privatisiert werden? Zerfällt die Orgel? Heute können wir sagen, wir haben uns aus eigener Kraft wieder in die schwarzen Zahlen zurückgekämpft. Wir werden am Jahresende bei 9,7 Millionen plus liegen.

Heißt das, dass die Rosskur zu Ende ist?

WRABETZ: Nein. Die Sparmaßnahmen gehen weiter, sowohl im Handshake-Bereich als auch durch die Nutzung neuer Technologien. Zum ersten Mal in der Geschichte des ORF hat es einen massiven Personalabbau gegeben. Ich rühme mich dessen nicht. Wir haben den Personalstand von 4000 Leuten auf 3500 vermindert. Wir dürfen die Zügel jetzt aber nicht schleifen lassen, sonst stehen wir bald wieder dort, wo wir schon einmal waren.

Welche weiteren Einschnitte planen Sie?

WRABETZ: Wir werden bis 2012 noch einmal 150 Mitarbeiter über natürliche Abgänge und Handshakes abbauen. In Summe geht es im kommenden Jahr noch einmal um 30 Millionen und im Jahr 2012 noch einmal 50 Millionen, die wir herausschneiden müssen: Personalkosten, Technik, Einsparungen bei den Sportrechten etc. Das Kostenmanagement ist deshalb so wichtig, weil wir auf der Erlös-Seite keine Sprünge mehr machen können - einerseits durch die Begrenzung der Werbezeiten, andererseits durch den dramatischen Preisverfall.

Drehen Sie am Gebührenregler?

WRABETZ: Eine Index-Anpassung ist für die nächsten zwei Jahre auszuschließen. Normale Mehrerlöse sind nicht mehr möglich, zumal die Schwarzseher-Quote in Österreich nur mehr zwei Prozent beträgt.

Benötigt der ORF neben dem Kostenmanagement nicht auch ein Qualitätsmanagement?

WRABETZ: Das ist längst gelebte Praxis. In der Information haben wir massiv zugelegt. Zusammen mit den neuen "ZiB-Flash"-Formaten erreichen wir im Laufe eines Tages 800.000 Seher.

Haben die dynamisch inszenierten Wahl-Konfrontationen von ATV und Puls4 nicht gezeigt, dass der ORF ein großes Modernitätsproblem hat, vor allem in der Vermittlung von Politik?

WRABETZ: Ich räume ein, dass da ambitionierte Aspekte darunter waren. Aber es gab auch Auswüchse in der Inszenierung, die für uns indiskutabel wären. Zum Beispiel, dass man Hunderte Tickets an Funktionäre verkauft und die Sympathisanten akustisch aufeinander hetzt. Das nächste Mal drücken sie allen Kandidaten einen Baseball-Schläger in die Hand. Gut gefiel mir, dass die Kandidaten standen. Dieses amerikanische Setting erzeugt eine gewisse Dynamik. Trotzdem haben wir mit unserer auch gut gemachten Wien-Konfrontation um 11 Uhr fast gleich viele Zuschauer gehabt wie die Privaten am Hauptabend.

Der große ORF ist zufrieden, wenn er gleichauf mit einem kleinen medialen Außenseiter liegt?

WRABETZ: In Summe erreichen wir mit unserer Wahlberichterstattung ohnehin ein Vielfaches der Privaten. Die Mobilität der Menschen ist wahnsinnig groß. Wir haben 2,3 Millionen Smart-Cards draußen. Dort ist im Receiver schon die Voreinstellung für ATV und Puls4 vorgegeben. Der Händler stellt die ersten 10 Sender ein, das heißt, die Privaten muss niemand mehr suchen.

Sie meinen, die sollten dort gar nicht gespeichert sein?

WRABETZ: Nein, was ich sagen will: Mit der Fernbedienung hat jeder kleine Sender eine Chance auf Reichweiten. Bei einem Luis- Trenker-Revival im Bayern 3 aus dem Jahr Schnee schauen 40.000 Österreicher gleich einmal zu.

Bedauern Sie die Vielfalt?

WRABETZ: Nein. Man muss nur in Erinnerung rufen, dass der Ruf nach Konkurrenz mit mehr Qualität begründet wurde. Ein Mythos. Das Fernsehen ist der einzige Bereich der Wirtschaft, wo Konkurrenz nicht zu einer Steigerung der Qualität geführt hat.

Räumen Sie damit nicht indirekt ein, dass Sie auf die Konkurrenz durch die Privaten mit Nivellierung geantwortet haben? Der ORF hätte sich ja auch abheben und unverwechselbar machen können.

WRABETZ: Wir sind mit unserer Strategie, auf Information, Kultur, Sport und heimische Unterhaltung zu setzen, unverwechselbar. Der ORF hat sich auf die neue Medienwirklichkeit gut eingestellt. Viele Öffentlich-Rechtliche sind in ihrer Existenz bedroht. In vielen Ländern hat beispielsweise das öffentlich-rechtliche Fernsehen den Anspruch, die Jungen zu erreichen, völlig aufgegeben. Das haben wir nicht.

Was sind die qualitativen Angebote für die Jungen?

WRABETZ: Die ORF-1-ZiBs, "Donnerstag Nacht", der Kaiser. Ich rechne auch die amerikanischen Top-Serien am Montag dazu.

Ausgerechnet ORF 1, als Massenunterhaltung und Zugeständnis an die Privaten konzipiert, verliert stetig Publikum. Beweist das nicht, dass man den falschen Weg der Assimilierung gewählt hat?

WRABETZ: Auch ORF 1 ist im Vergleich zu früher anspruchsvoller geworden. Ein gewisser Abfluss an Publikum ist angesichts der digitalen Programmvielfalt nicht zu verhindern. Es stimmt nicht, dass wir uns assimiliert haben. Wir haben die Informationsleiste auf ORF 1 ausgebaut und wir haben anspruchsvolle Sendungen wie "Kreuz & Quer" nach vorne gerückt. Auch Innovatives ist gelungen wie "Donnerstag Nacht".

Planen Sie neue Formate?

WRABETZ: Ja, wir arbeiten für ORF 1 an einem neuen jungen Reportage-Magazin und an ein daran angeschlossenes österreichisches Talk-Format. Wir wollen damit den Dienstag neu positionieren und noch österreichischer machen. Viele Öffentlich-Rechtliche in Europa haben die Jungen längst verloren. ARD und ZDF haben zusammen nur noch zehn Prozent bei den unter 50-Jährigen. Wir haben immerhin noch über 30 Prozent.

Wie geht es Ihnen damit, wenn Sie Europacup-Spiele von Rapid im ausverkauften Happel-Stadion auf Puls4 anschauen müssen?

WRABETZ: Immer wenn sie auf Puls4 spielen, verlieren sie. Das scheint ein Problem von Rapid Wien zu sein, nicht des ORF. Spaß beiseite: Wir haben Nationalmannschaft, Bundesliga, WM, EM und Champions League. Wir können uns im Millionen-Wettstreit um die Rechte nicht mehr alles leisten und wir wollen es auch nicht. Die wahren Profiteure sind ohnehin nicht die Fernsehanstalten oder das breite Publikum, sondern internationale Rechtehändler. Die Paläste um den Genfer See werden immer größer. Wir mussten uns entscheiden zwischen der Euro League und der Königsklasse, der Champions League. Alles zusammenzuraffen wäre weder finanziell noch taktisch klug gewesen. Dann hätte es bei der EU wieder geheißen, seht her, es stimmt doch, dass der ORF alle anderen erdrückt.

Welche der beiden Großparteien wird sich bei der Bestellung Ihres Chefredakteurs durchsetzen? WRABETZ: Keine der beiden. Es wird jemand aus der nächsten Generation sein. Die Entscheidungen werden im Haus getroffen.

Sie haben den ORF vor dreieinhalb Jahren mit einem täglichen Marktanteil von 43 Prozent übernommen, diesen September waren es 34,9 Prozent. Wo ist der Boden?

WRABETZ: Im Gesamtjahr werden wir bei 36 Prozent liegen. Wir sind in Europa als Senderfamilie immer noch unter den Top 5 im Fernsehen. Ich hätte auch gerne nur 33 Konkurrenz-Sender wie Gerhard Zeiler, als er 1998 aufgehört hat. Jetzt haben wir 92. Damals gab es 700.000 Monopol-Haushalte, heute sind es 7000. Es ist unglaublich, wie viele Hunderttausende Menschen an einem Fernsehabend fünf, sechs Sender besuchen.

Dann ist das Problem des ORF nicht die Konkurrenz, sondern seine mangelnde Bindekraft.

WRABETZ: Das stimmt ja nicht. Selbst mit 35 Prozent sind wir immer noch der Hauptsender für die Zuseher. Wir sind noch immer das Stammbeisl, das man jeden Tag besucht, aber kurzfristig probiert man eben auch andere Restaurants aus. Hauptsache, sie kommen immer wieder zu uns zurück.


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Bild vergrößernORF-Generaldirektor Alexander WrabetzFoto © APA

ZUM INTERVIEW

Das Interview wurde im Rahmen eines Treffens der Chefredakteure der führenden Bundesländer-zeitungen mit ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz in Wien geführt.

Für die Kleine Zeitung nahm Hubert Patterer am Gespräch teil.

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