Nazi-Eliteschule als Ort der Toleranz und Bildung
Christine Thon kratzt mit einem Stift in das harte Fensterglas. Erst die Summe der Kratzer ergeben einen Sinn: Hemingway, Tucholsky, Ringelnatz - 131 Namen, die die Nazis im Mai 1933 im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels auf die Verbots-Liste setzten. Ausgerechnet in der früheren Elite-Schule der Nationalsozialisten kann man plötzlich nicht mehr daran vorbeischauen.
"Liste I Schöne Literatur" nennen die Kölner Künstler Christine Thon und Lars Beuse ihr Projekt. Es ist Teil der "Künstlerischen Intervention" mit einer ganzen Reihe von Projekten der Kunsthochschule für Medien Köln. "Vogelsang ist ein Symbol für die Elitebildung der Nazis", sagt Beuse. "Bildung unter den Nationalsozialisten, das war Wissensselektion." Das wollen sie den Besuchern klarmachen. Stundenlang "scratchen" die beiden die Fensterscheiben stumpf. Ausgespart bleiben die Namen.
Die drei bearbeiteten Fenster sind Teil der Fensterfront mit einer grandiosen Aussicht. "Wir wollen Vogelsang etwas kleiner machen", sagt Beuse - und meint das sinnbildlich. Tatsächlich drückt sich in Vogelsang nationalsozialistischer Größenwahn aus: Ein Gebäudekomplex mit 70.000 Quadratmetern Nutzfläche, geschickt inszeniert in großartiger Landschaft. Vogelsang ist heute das größte Denkmalschutzprojekt in Nordrhein-Westfalen. Nichts signalisiert die neue Haltung der Region deutlicher als der moderne Namenskonstrukt des Betreibers "Vogelsang ip". Das "ip" steht für "internationaler Platz" und für die angestrebte Neuinterpretation Vogelsangs als Ort der Toleranz, des friedlichen Miteinanders und der intensiven Naturbegegnung.
Das Nazi-Bauwerk Vogelsang verändert sich - äußerlich sichtbar, spätestens im nächsten Jahr, wenn die Bagger anrollen. Für 40 Millionen Euro entstehen ein Besucherzentrum mit einer Dokumentation zur NS-Geschichte, Ausstellungen über den Nationalpark und die Eifel.













