Einer flog aus dem Dichternest
Was für ein Glück! Das angebliche Skandalbuch des Sommers steht fest, die Wahl fiel auf Norberts Gstreins "Die ganze Wahrheit". Skandalös und grotesk ist aber nur das Mediengetöse rund um das Buch.

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Er müsse den Wechsel erst verarbeiten, erklärte Norbert Gstrein vor geraumer Zeit. Gemeint war sein Abgang vom Suhrkamp-Verlag, den er mehr als 15 Jahre lang mit durchwegs exzellenten Texten belieferte. Sie wiesen ihn als sensiblen, skeptischen, aber auch als virtuosen Erzähler aus. Seine neue Bleibe fand er beim Konkurrenzverlag Hanser, die Art und Weise seiner "Verarbeitung" kann man ab 15. August im Roman "Die ganze Wahrheit" nachlesen.
Freudiges Entsetzen
Offiziell gibt es für die Buchrezension zwar eine Sperrfrist, gehalten hat sich, speziell im deutschen Feuilleton, kaum ein Kritikerschlaumeier an diese Auflage. Aus mehreren Gründen: Zum einen rührt Gstrein bei Lesungen seit Wochen die Werbetrommel für einen Schlüssellochroman, der nur ein Objekt der rachsüchtigen Begierde kennt: die nunmehrige Alleinherrscherin im Hause Suhrkamp, Ulla Unseld-Berkéwicz. Zum anderen reichte ein einziges, als Vorabdruck erschienenes Kapitel, um an allen entbehrlichen Ecken und Enden in freudiges Entsetzensgeheul auszubrechen. Dies sei das Skandalbuch des Sommers.
Um den Aufregungspegel weiter zu erhöhen, wurde das Werk sogar mit Martin Walsers "Tod eines Kritikers" auf eine Stufe gestellt, was eher seltsam ist, denn Walsers wilden Attacken auf Marcel Reich-Ranicki hätte ein Platz auf der Kellerstiege gebührt. Ein Kritiker von der "Welt" zeigte sich nach intensiven Feldforschungen aber enttäuscht. Die Gstrein'schen Ergüsse seien "trockener als die Feuchtgebiete." Maßstab, lass' nach.
Was also liefert "Die ganze Wahrheit"? Norbert Gstrein schlüpft als Ich-Erzähler in die Rolle eines Lektors bei einem Wiener Kleinverlag. Der ehrenwerte Verleger gerät, schon reichlich betagt, in die Fänge einer Furie. Sie ist nymphomanisch, dem Alkohol und dem Okkultismus verfallen, herrschsüchtig und noch manches mehr. Nicht zuletzt aber ist sie eine miserable Sprachschnitzerin, die nach dem Tod des Verlegers ein heuchlerisches Buch über die Partnerschaft veröffentlicht, als Akt traniger Trauerarbeit. Die Hauptfiguren sind bis zur völligen Kenntlichkeit entstellt: Da der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, der 2002 verstarb, dort die neue Herrin im einstigen Wortwalhall, Frau Berkéwicz.
Nachspiel? Nein, danke
Zu Unseld hatte Gstrein ein inniges Verhältnis, zu Ulla Berkéwicz wohl nur bedingt. Unverkennbar ist auf Anhieb, dass Revanchelust, gekoppelt mit der platten Hoffnung, tatsächlich irgendwo anzuecken, zu provozieren, so ziemlich die einzigen Anlässe für diesen "Wahrheits"-Befund sind. "Einer" hieß Gstreins großartiger Erstling bei Suhrkamp. Einer flog aus dem Dichternest, so lautet das Schlusskapitel. Aber schon hecheln einige Medien nach einem Nachspiel vor Gericht. Bloß nicht! All das Enthüllungsgefuchtel ist der Rede kaum wert. Und die üble Nachrede hat Gstrein ohnehin, wegen beklemmend konsequent verdrängter erzählerischer Qualitäten. Ein Buch wie ein Fehltritt - tief nach unten.
Er bediene sich der Wahrheit gerne, lasse sie aber zu den Rändern hin ausfransen - so erläuterte Thomas Mann einst eines seiner Schreibprinzipien.
Auch Gstrein lässt seinen Text ausfransen, endlos; nur in der Mitte, da ist keine Wahrheit, da sind Klatsch, Tratsch und Intrige, von Gstrein selbst als "Leerstelle" bezeichnet. Wie wahr. Einer wie er, ein Dichter von hohen Graden, hätte diese mit ganz anderem Stoff füllen können.
Features
Fakten
Norbert Gstrein, geboren am 3. Juni 1961 in Mils, Tirol. Lebt seit Jahren als freier Schriftsteller in Hamburg.
1988 debütierte er mit der viel gelobten Erzählung "Einer" (Suhrkamp).
"Die ganze Wahrheit", sein jüngster Roman, erscheint am 15. 8. bei Hanser (20,50 Euro).















