"Quotennutte" Thomas Gottschalk wird 60
Fernseh-Deutschland wäre ärmer ohne Thomas Gottschalk. Der "Wetten, dass..?"-Moderator zu seinem Geburtstag am 18. Mai: "Ich nehme das Alter nicht so zur Kenntnis, und das tut mir gut".

Foto © APAImmer top gestylt und inzwischen schon im Alter der Zielgruppe: Geburtstagskind Thomas Gottschalk
Im September 1986 lief im ZDF die TV-Show "Na sowas": "Vorsicht", zischte der langhaarige Fernsehmoderator einer 60-jährigen Artistin entgegen, "in Ihrem Alter erkältet man sich schnell mal die Eierstöcke". Der 36 Jahre alte nassforsche Emporkömmling mit dem Ritt auf den Geschmacksnerven war kein Geringerer als Thomas Gottschalk, der sich mit dieser Bemerkung prompt in der Öffentlichkeit und bei den Sittenwächtern in die Nesseln setzte. Nun hat ihn das Schicksal selbst unwiderruflich ereilt: Der Lästerer wird am 18. Mai 60 - Vorsicht, Thomas Gottschalk, auch ohne Eierstöcke besteht Erkältungsgefahr!
Fernseh-Deutschland wäre ärmer ohne Gottschalk. Und ganz Deutschland wäre ärmer dran, hätte es die Generation Gottschalk nicht gegeben. Alle TV-Prominenten zwischen (heute) 50 und 60 haben seit den 80er Jahren den Takt im Pantoffelkino angeben, ob ein Harald Schmidt, ein Günther Jauch oder auch der Franke mit der blonden Löwenmähne. Nun durchbricht er als erster die Schallmauer mit der Ziffer "6" an erster Stelle. Er will bloß nicht darüber reden, er feiert im engen Kreis. "Ich nehme das Alter nicht so zur Kenntnis, und das tut mir gut", tat er kürzlich ungewohnt defensiv in einem Interview kund.
Gottschalk, der Markenbegriff
Die Gummibärchen wurden erst durch ihn zu Stars auch der Samstagabendunterhaltung. Ein amerikanischer Fast-Food-Konzern profitierte von Gottschalks Massentauglichkeit und machte seine Burger erst durch Gottschalk hierzulande richtig salonfähig. Die Deutsche Post freute sich über großartige Produktplatzierung bei "Wetten, dass..?" - dank Gottschalk und seines jüngeren Bruders Christoph, der die Moneten für Thomas eintreibt. Er ist Geschäftsführer der Firma dolce media, die "Wetten, dass..?" vermarktet, in China unterbringt und ganz ungeniert Industrieprodukte im TV einbettet. Bei so viel Power wagt kein Fernsehrat zu protestieren.
Gottschalk, die "Quotennutte", als die er sich selbst vor Jahren bezeichnete. Der gebürtige Kulmbacher mit der Vorliebe für schrille Fantasiekostüme ist die Sau, die durchs Dorf getrieben wird, weil seine Familie davon leben will, weil das ZDF einen Markenartikel und Quote braucht und überhaupt alle wie Leim an ihm kleben, so lange die Zitrone Saft gibt. Zugegeben hat er es nie: Aber am liebsten würde er sich statt Medienzirkus manchmal lieber die Kopfhörer aufsetzen, AC/DC lauschen, richtig rumlümmeln - wie damals in Kulmbach, als er Ende der 60er Jahre in seiner Clique mit persianergrauer Pelzkappe mit Leninkopf und rotem Stern durch die Gassen stapfte.
Gottschalk, der Erfolg
"Alles nur durch Geschwätz", sagt er selbst. Er war der richtige Mann an der richtigen Stelle. Als hätte Frank Elstner damals beim Rotwein nicht sich selbst, sondern den noch ganz frischen Wirbelwind vom Bayerischen Rundfunk im Kopf gehabt, als er im Reißbrett-Verfahren auf dem Küchentisch "Wetten, dass..?" erfand. Erst mit dem Lockenkopf mit lauter Klappe kam der Garant kontinuierlichen Erfolgs, woran auch die jüngsten Quotenrückgänge nichts ändern können. Die erfolgreichste Show der Welt und der Charmebolzen sind eine Symbiose - als Beweis musste Wolfgang Lippert kurzfristig 1992 und 1993 ran, eigentlich nur um zu beweisen, dass es doch nicht ohne Gottschalk geht.
Gottschalk, der Misserfolg
Als gäbe es ein ehernes TV-Gesetz. Fast alles, was er außerhalb von "Wetten, dass..?" anpackte, missriet. Zumindest in den Augen der Kritiker und der Fernsehmanager, deren Erwartungshorizont voller rosiger zweistelliger Millionen-Quoten vollgestopft war. Aber kann das ein einzelner Mann aus dem Stand leisten? Kann er nicht. Ob seine "Hausparty" bei Sat.1, seine diversen ZDF-Formate wie "Gottschalk America", die Suche nach dem Musicalstar, "Gottschalk & Friends" blieben deutlich hinter den Hoffnungen zurück. Auch sein viel diskutierter RTL-Ausflug Anfang der 90er Jahre scheiterte letztlich: "Der Parasit verlässt den Wirt", raunte RTL-Boss Helmut Thoma damals beleidigt nach Gottschalks Abgang.
Gottschalk ganz privat
Seine Frau Thea lernte er bei einer Faschingsparty 1972 kennen. Über die Ehe wurde oft diskutiert. Am Wohnsitz Malibu bogen sich die Äste schon unter den Trauben von Fotografen, die ein zankendes und trennendes Paar knipsen wollten. Keine Chance. Die vier Jahre ältere Thea, mit der er zwei Söhne (Roman und Tristan) hat, weiß warum: Thomas sei "skandalscheu", berichtete sie mal der "Bild"-Zeitung. Und er sei immer noch so aufmerksam wie in den Flitterwochen. Das kann nicht jeder. Gottschalk stöhnt gerne, aber erträgt viel. Aber wenn Journalisten die Grenze zu seinem Ich überschreiten, wird er biestig. Weil die "Bunte" mal sein Privatleben kaputtschrieb, gab er seine drei Bambis zurück. Als er den vierten bekam, nahm er die drei aber wieder an sich.
Bei Michelle Hunziker, die das ZDF ihm als Unterstützung zur Seite gestellt hat, gerät er gern plauderhaft ins Schwärmen, aber die häufig bärtige Kinnlade kippt bei der dämlichen Frage, "Wie lange denn noch?", wieder flugs nach unten. Bis 2012 ist zumindest Fakt, also bei dem Sender mit Kernzielpublikum, dessen Telefon noch "Drehscheibe" hat, wie er gern sagt. Wenn er nicht gelangweilt ist, sagt Gottschalk über die Zukunft gern etwas Launiges: "Ich mache so lange, bis ich mein eigenes Verfallsdatum überschritten habe", sagte er einmal der Deutschen Presse-Agentur. Und bei "TV Today" präzisierte er noch einmal diese Last, die auf ihm ruht: "Die Leute erwarten von mir etwas Großes, eher Glamour."
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Bei Gottschalk tabu
Die Buntstift-Wette, als ein Redakteur der Tageszeitung "taz" inkognito behauptete, er könne die Farben am Geschmack erkennen, um dann unter den Augenklappen hindurchzuschielen, ist kein schönes Thema - das fuchst Gottschalk immer noch.
















