Medien: Qualität ist der einzige Weg
Wie überleben seriöse Nachrichtenanbieter die aktuellen Veränderungen auf dem Medienmarkt? Österreichs Zeitungsmacher schauten in Lech ausgiebig über den Tellerrand.

Foto © David BauerHorst Pirker, VÖZ-Präsident und Vorsitzender des Vorstandes der "Styria Media Group AG"
Man kann nicht sagen, dass heimische Medienbesitzer bzw. -manager die Zukunft ihrer Produkte auf die leichte Schulter nehmen. Die Vorstandsklausur des Verbandes Österreichischer Zeitungen VÖZ am vergangenen Wochenende in Lech illustriert das ganz gut: Der Bundeskanzler, ein Parteiklubobmann, ein ORF-Direktor, der Postgeneral, der Lotterie-Chef sowie mehrere internationale Medienmanager, Universitätsprofessoren u. a. waren als Referenten aufgeboten. Und das alles, um die Zukunft der Zeitungen in all ihren Erscheinungsformen zu sichern.
Stephan Russ-Mohl, Medienexperte von der Uni Lugano, ließ die Runde eingangs in Richtung USA schau(d)e(r)n: Boston Globe, San Francisco Chronicle im Sturzflug, Los Angeles Times und Chicago Tribune insolvent. Die New York Post verlor allein im letzten Jahr 20 Prozent an Auflage, USA Today immerhin 17 Prozent, das Werbeaufkommen sank in den letzten zwei Jahren um 43 Prozent, 15.000 Journalisten verloren ihre Jobs. - Ein Stoff, aus dem die Albträume sind.
Qualität als Ausweg
Nun gut, dafür wuchsen die Zahlen der Internetnutzer rapide, beispielsweise bei der New York Times: "Wir haben keine Leserkrise, wir haben eine Erlöskrise", sagte deren letzter Pulitzerpreisträger David Barstow jüngst der Kleinen Zeitung. Womit wir beim aktuellen Kernproblem wären: Die Gratiskultur im Web stellt seriöse Nachrichtenanbieter vor schwere Probleme. Russ-Mohl sieht einzig in unverwechselbarer Qualität einen Ausweg: "Weniger Journalismus öffnet die Schleusen für PR-Artikel, damit sinkt die Glaubwürdigkeit."
Der Konzern Tamedia um den Schweizer Tagesanzeiger hat die Konsequenz gezogen: Allein in der Online-Redaktion des Gratisblattes "20 Minuten" arbeiten 60 fix angestellte Journalisten, die Print- und Online-Redaktionen sind total voneinander getrennt. Die Digitalversion des schwedischen Aftonbladet wird sogar von 100 Journalisten erstellt, sie ist seit fünf Jahren auch ökonomisch im Plus. Bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung setzt man auf Archivverwertung sowie maßgeschneiderte Homepages für Abonnenten. Viel lässt sich mit einfachem Web-Journalismus dennoch nicht verdienen, die zahlungswillige Klientel dürfte derzeit bei fünf bis sieben Prozent liegen. Deshalb ist Tamedia im Rubrikenmarkt, Adressengeschäft, als lokale Suchmaschine etc. tätig. Es gibt Zahlen, die die Lage klären: Die Suchmaschine Google schöpft allein in Österreich geschätzte 70 Millionen Euro pro Jahr ab, 50 Millionen sollen es bei Facebook sein. ORF-ON, Österreichs drittgrößtes Portal, lukrierte zuletzt 10,6 Millionen.
Marktverzerrung
VÖZ-Präsident Horst Pirker kämpft seit Monaten darum, ORF-ON im neuen Rundfunkgesetz inhaltlich zu reduzieren, ein Vorschlag, den selbst der neue Kaufmännische Direktor Richard Grasl in Lech nicht ganz ablehnte. Wiewohl Grasl eine Kooperation des ORF mit den heimischen Zeitungen gegen die Giganten, siehe oben, lieber wäre. Fakt ist: Die enorme Bevorzugung des ORF führt auch online zu starker Marktverzerrung.
Österreich scheint dennoch eine Galgenfrist zu haben: Die Printauflagen erodieren nur sehr schwach, einige Blätter, zum Beispiel die Kleine Zeitung, haben sogar noch stark zugelegt und gleichzeitig ihre Online-Reichweite gesteigert. Doch jede Frist läuft irgendwann einmal ab.













