Der Kreislauf des Tötens: Iphigenie in Wien
Albtraum und Wirklichkeit vermengt Torsten Fischer im Theater an der Wien zu einer dichten Inszenierung von Glucks "Iphigenie auf Tauris".

Foto © APAVéronique Gens als Iphigénie
Gilt die 1779 in Paris uraufgeführte "Iphigénie en Tauride" auch als die reifste Reformoper Christoph Willibald Glucks, so vertritt sie doch eine voraufklärerische Position: Diana muss als Dea ex machina den Muttermörder Orest von seiner Schuld freisprechen.
Torsten Fischer will sich damit nicht abfinden. In seiner Inszenierung des Ideendramas im Theater an der Wien geht er über Gluck und dessen Librettisten Nicolas-François Guillard hinaus und orientiert sich am gleichzeitig entstandenen Schauspiel Goethes. Er setzt Iphigenie mit der Göttin gleich und legt ihr Dianas Worte über den künftigen Verbleib ihres Altarbildnisses sowie das Los von Iphigenie und Orest in den Mund. Das wirkt nicht logisch und entbehrt auch der musikalischen Beglaubigung. Es gibt aber seiner dichten, zeitlos-modernen Inszenierung im klaustrophobische Stimmung vermittelnden Bühnenbild von Vasilis Triantafillopoulos einen wesentlichen Akzent. Nicht die Götter entscheiden das Schicksal der Menschen, sondern sie nehmen es selbst in die Hand. Iphigenie unterbricht den immer wieder drastisch vorgeführten Kreislauf des Tötens und befreit die Atridenfamilie von ihrem Fluch.
Geht der Regisseur über das Stück hinaus, so bleibt der Dirigent hinter dem heutigen Standard historischer Aufführungspraxis zurück. Harry Bicket, der im ersten Akt die Ballettmusik streicht, hängt dem vorgestrigen Ideal der Klassizität nach. Obwohl das Orchester erzählen soll, was die Worte verschweigen, führt er die Wiener Symphoniker nur zu unverbindlichem Wohllaut und gepflegter Langeweile.
Vom Dirigenten und der ewigen Homophonie unterfordert, bleibt sogar der Arnold Schoenberg Chor unter dem gewohnten Niveau. Eindimensional poltert Andrew Schroeder den Thoas, farblos bleibt Rainer Trost als forcierender Pylades.
Ereignischarakter gewinnt der Abend durch die beiden französischen Protagonisten. Véronique Gens als Iphigénie und Stéphane Degout fesseln mit ihrer nuancierten Sprachbehandlung, farbenreichen Tongebung, stilistischen Souveränität und ihrer empfindsamen, leidenschaftlichen, aufwühlenden Gestaltung.
Features
Fakten
"Iphigénie en Tauride" von Christoph Willibald Gluck.
Aufführungen im Theater an der Wien: 16., 18., 20. und 23. März, jeweils 19 bis 21.10 Uhr.
Karten: Tel. (01) 58 8 85.














