Bild ist Text und Text wird Bild
Immer mehr Bücher werden als Graphic Novels angeboten. Hinter der Bezeichnung verbergen sich unterschiedlichste Inhalte.
Keine Buchhandlung mehr ohne zumindest ein Regal oder einen Tisch mit der Aufschrift ?Graphic Novels“. Dort liegt derzeit auch ein Folder auf: ?Was sind Graphic Novels?“ Zehn deutsche Verlage bieten im Faltprospekt ihre Beiträge zu einem Genre an, das seit einigen Jahren wächst und gedeiht. Sieht man sich Regal, Tisch und Prospekt genauer an, stellt man bald fest, dass eine eindeutige Definition schwierig ist. Manches könnte auch als Etikettenschwindel bezeichnet werden.
Robert Crumbs Comic-Version der ?Genesis“ findet sich hier. Jon J. Muths grafische Variante von Fritz Langs Filmklassiker ?M“. ?Persepolis“, Marjane Satrapis wiederum trickverfilmte Geschichte einer Jugend im Iran. Neil Gaimans ?Sandman“-Fantasien, Art Spiegelmans ?Maus“ und vieles andere mehr. Natürlich auch Werke von Will Eisner. Der in Brooklyn geborene Sohn österreichisch-rumänischer Eltern erfand 1940 nicht nur eine der großen Figuren der Comic-Literatur, ?The Spirit“, Eisner dürfte auch erstmals den Begriff ?Graphic Novel“ verwendet haben.
Jedenfalls bezeichnete er 1978 die Sammlung ?A Contract With God“, Bildgeschichten aus dem jüdischen New Yorker Milieu, so. Als ?Ein Vertrag mit Gott“ erschien bereits 1980 eine deutschsprachige Fassung, ausgewiesen als ?Eine Geschichte in Bildern“. Demnächst kommt eine um zwei Storys erweiterte, 528 Seiten starke Neuausgabe auf den Markt. Als ?Graphic Novel“. Eisner adaptierte danach Herman Melvilles ?Moby Dick“ als ?grafischen Roman“. In seiner letzten, 2005 posthum erschienenen Arbeit ?The Plot“ (?Das Komplott“) ging Eisner der verhängnisvollen Wirkungsgeschichte der berüchtigten ?Protokolle der Weisen von Zion“ in Wort und Bild nach.
?Graphic Non-Fiction“, ein ?grafisches Sachbuch“, wenn man so will. Im eingangs erwähnten Folder liest man folgende Erklärung: ?Bei Graphic Novels gehen Text und Bild meistens Hand in Hand. Ergänzen und kommentieren sich gegenseitig.“ Aha. Und bei schnöden Comics haben Text und Bild nichts miteinander zu tun? Die (unerhebliche) Bezeichnungsproblematik kann an Craig Thompsons ?Blankets“ anschaulich gemacht werden, ein Vorzeigestück des Genres. Schon 2004 in broschierter deutscher Ausgabe aufgelegt, wuchtet Carlsen das 600- Seiten-Opus nun in einer opulenten 38-Euro-Version in die Buchhandlungen: ?Decken. Ein illustrierter Roman“. Was er eindeutig nicht ist. Text und Bild sind dicht verwoben. Aber das waren sie auch schon bei Burne Hogarths ?Tarzan“-Abenteuern, an deren kompositorische Dynamik manche Seiten erinnern.
Jedenfalls ist der Aufdruck ?Graphic Novel“ keine Garantie. Weder für die Qualität der Inhalte noch jene der Form. Manches scheint Alan Moore, Schöpfer der monumentalen ?Watchmen“- Serie, zu bestätigen: ?Graphic Novel ist oft nur eine andere Bezeichnung für teure Comics. Man klebt das Etikett auf wertlosen Schund zwischen attraktiven Buchdeckeln.“ Deshalb ein Tipp: Die Buchdeckel einfach öffnen.













