Lauschend an der Lippe des Sees: Der neue Walser
Martin Walser betreibt intensiv Offenlegung. Auf der Suche nach wahrem Glauben und als penibler Chronist in eigener Sache.
"Eine Feder redet lieber etwas Unstatthaftes, als daß sie sich auch nur einen Moment lang ausruht." Nein, der Satz stammt nicht von Martin Walser, sondern von seinem Schweizer Namensvetter Robert, und natürlich ist er richtig und falsch zugleich. Aber Ruhe gönnt sich der große deutsche Denker und Dichter nach wie vor offenkundig nur in seinen kurzen Schlafpausen. Und fast scheint es, als dränge es ihn, noch einmal aufs Ganze zu gehen. Gleich mit zwei Werken, eines vom Umfang her schmächtig, aber inhaltlich von großem Gewicht, eines voluminös, penibel, augenzwinkernd und keineswegs nur literaturhistorisch von enormer Bedeutung.
Glauben heißt lieben
"Mein Jenseits" betitelt Walser eine Novelle, die gleichsam auch sein Glaubens-Credo ist. Walser schlüpft dabei in die Rolle des Chefs einer psychiatrischen Anstalt, die einstmals als Kloster Mönche beherbergte. Das Gemäuer wirkt enorm inspirierend, es füllt sich mit Geschichtenpartikeln, quer durch Jahrhunderte, quer durch die Theologie und die schönen Künste. "Glauben heißt lieben", dieser Satz dient als roter Faden, häufig kehrt er wieder und ständig wird er fast mühelos und mit leichter Hand mit neuer Bedeutung aufgeladen.
Eine Offenlegung, eine Offenbarung, die ihr Ende nimmt bei der Anziehungskraft und der Macht des Unerklärlichen, die aber auch das oft dahingesagte Wort Glaubensgefühl in einem völlig anderen, so bei Walser bisher nicht gekannten Licht erscheinen lässt. Zurechtrückung, zweiter und nächster Teil. Denn mit dem dritten Teil seiner Tagebücher über die Jahre 1974 bis 1978 betritt ein gänzlich anderer Martin Walser die Bühne. Es sind jene Jahre, in denen er sich verheerende Verrisse für den Roman "Jenseits der Liebe", bald aber auch enorme Lobeshymnen für "Ein fliehendes Pferd" einhandelte.
Wie schon für die Vorgänger gilt: Es ist ein pralles 600-Seiten-Kompendium eines Kosmopoliten, reich an Aphorismen und philosophischen Erkenntnissen. Und wer sich vergnügen will, schlage Seite 442 auf. Da schildert Walser die Mühen einer Lesungsreise, die ihn per Bahn nach Graz (über Bruck a. d. Murr) und Klagenfurt nach Braunau bringt. Walser als Hochkomiker - das Jenseits möge sich also noch gedulden.













