Geständnisse eines Geheimdienstmannes
Zdenko Zavadlav bannte den Abrechnungsfuror der Tito-Kommunisten nach 1945 in sein Tagebuch. Ein beklemmendes Stück Zeitgeschichte.

Foto © APJosip Broz Tito
Die Waggons sind mit Draht verschlossen und verriegelt. Sie verbreiten einen üblen Geruch wie bei einem Viehtransport. Ein schrecklicher Gestank, ein noch schrecklicherer Anblick. In jedem Waggon befinden sich etwa fünfzig gewöhnliche Domobranzen in Uniformen, hie und da ein Offizier, ein Zivilist, eine Frau, ein Kind. Was, zum Teufel, treiben wir als Sieger mit den Menschen?", schrieb Zdenko Zavadlav im Mai 1945. Es waren Angehörige des Rupnik-Bataillons, das am Vortag von den Briten aus dem Lager Viktring auf den Klagenfurter Bahnhof verfrachtet worden war. Die Briten ließen sie in dem Glauben, sie würden nach Italien transportiert. Endstation war indes das Internierungslager Tüchern (Teharje), von dem angesichts der hohen Opferzahlen Überlebende von einem Todeslager sprachen.
Der aufgestaute Hass, der sich am Ende des Krieges gegen die Kollaborateure der Nationalsozialisten entlud, richtete sich nicht allein gegen die slowenischen Domobranzen. Im Zuge konzertiert gelenkter politischer "Säuberungsaktionen" nach stalinistischer Manier wurden alle potenziellen und vermeintlichen Gegner des KP-Regimes aus dem Weg "geräumt". Angehörige der deutschen Volksgruppe, kroatische Ustascha-Faschisten, serbische Tschetniks fielen ebenso wie Zivilisten der kollektiven Strafverfolgung der KP für die Kriegsverbrechen der Nationalsozialisten zum Opfer.
In der Nacht auf den 10. Mai 1945 begann in Marburg eine Menschenjagd. Ganz oben auf den "schwarzen Listen" standen die Kollaborateure. Hand in Hand mit den Festnahmen setzten die Verhöre ein. "Bei einigen besitzen wir außer der in wenigen Worten formulierten Anschuldigung nichts Belastendes. Immer wieder muss ich feststellen, dass ein großer Teil der Verhörten überhaupt nicht schuldig ist." Das brachte Zavadlav keine Sympathien bei seinen Vorgesetzten ein. Von Unfähigkeit, zu großer Nachsicht war die Rede. Seinem Tagebuch vertraute er an: "Trotz aller Selbstkritik kann ich nicht verstehen, dass einige meiner OZNA-Kollegen in allen Häftlingen nur Schuldige sehen, und zwar lauter Agenten auf allen Seiten."
Für Titos berüchtigten Geheimdienst OZNA arbeitete Zavadlav bereits im Krieg. Rasch stieg er zum stellvertretenden Chef der 1. Abteilung für Steiermark und Kärnten auf. Willfährig nahm er an der sozialrevolutionären "Umgestaltung" Sloweniens teil. Entschied über Leben und Tod. "Als ?verlängerter und tatkräftiger Arm der Partei' sind wir mehr und mehr zu ?Totengräbern' geworden. Seltsam, seltsam geht dieser unser Volksbefreiungskampf zu Ende! Ich weiß nicht, warum in diesem Befreiungskampf und bei diesem Sicherheitsdienst der Tod gerade mich fortwährend begleitet?"
Tarnung der Massengräber
Nach den "Säuberungen" kam der Befehl, ein Verzeichnis und eine präzise Beschreibung aller Grabstätten anzulegen. Über diese wurde nicht nur die OZNA-Zentrale in der "Slavija" in Laibach, sondern auch die lokalen Organe für innere Angelegenheiten informiert, um jedwede Trauerarbeit der Angehörigen an jenen Orten, wo sich die Grabstätten befanden, zu verhindern. Gemeinsam mit dem KNOJ (Korps der nationalen Verteidigung Jugoslawiens) oblag der OZNA die Tarnung der Massengräber. Das hieß: Die Leichen bis zur Unkenntlichkeit entstellen, sie mit Chlorkalk übergießen, mit Erde zudecken und die Gruben mit verschiedenen Sträuchern bepflanzen. "Im Marburger Gebiet haben wir mit den außergerichtlich Getöteten nicht allzu viele Probleme. Schlimmer sind die Probleme im Zusammenhang mit den jugoslawischen Einheiten, die ihre ?Ustaschi' gleich in jedem sich anbietenden Loch umgebracht haben. Es handelt sich um die Panzergräben in Tezno, um die Schottergruben in terntal, bei Macelj und um den Unterstand in Bistrica", notierte Zavadlav.
Bei der Grabstätte in Zgornja Bistrica gab es den Vorfall mit dem künstlichen Fuß des Grafen Attems. Dieser ragte aus der Erde heraus und wurde von allen Beteiligten wiedererkannt. Im Fall Attems, dem man keine Schuld nachweisen konnte, geriet der Bezirksbevollmächtigte Mojmir in Verdacht, den Familienschatz der Familie Attems aus Slovenska Bistrica geraubt zu haben.
Ende 1946 schied Zavadlav aus dem Geheimdienst aus. Er, der den Kommunismus als etwas "Positives, Ehrliches, Gutes für die einfachen Menschen hielt", hatte Skrupel bekommen, weigerte sich an den "Abrechnungen" weiter teilzunehmen. "Wegen Kollaboration mit der Gestapo" verurteilte man ihn zunächst zum Tode, begnadigte ihn dann zu 20 Jahren schweren Kerkers und entließ ihn 1953 aus dem Gefängnis.
Tabus brechen
Zavadlav begann zu schreiben, meldete sich immer wieder in Zeitschriften und Magazinen zu Wort. Nicht nur in Slowenien. Ab diesem Zeitpunkt veränderte sich sein Leben. Nächtlicher Telefonterror mit Drohungen war eine Facette. 1984 überlebte er einen "Verkehrsunfall" in Isola, 1994 fielen Schüsse auf seine Laibacher Wohnung. Ehemalige OZNA-Leute warnten ihn: Er solle mit dem Schreiben aufhören, wenn er länger leben wolle. Über die "dunkle Zeit der slowenischen Geschichte" wollte er nicht länger schweigen. Die Gründungen des "Vereins der slowenischen Häftlinge des Jugobolschewismus" und des "Vereins für die Pflege totgeschwiegener Gräber" mit Gleichgesinnten waren deutliche Signale, die Tabus zu brechen. Einen in der Öffentlichkeit viel beachteten Schritt setzte Zavadlav 1995, als er vor der "Parlamentarischen Untersuchungskommission über die Nachkriegsverbrechen" gestand: "Ich habe die Massenmorde an den gefangenen Deutschen, an den slowenischen Heimwehrleuten und den Kroaten organisiert. Uns wurde befohlen zu töten - und wir haben deutsche Soldaten, ebenso Frauen und Kinder erschossen."
In Titos Jugoslawien gab es ein befohlenes Schweigen, soweit es die eigenen Taten anging. Das der sozialrevolutionären "Umgestaltung" anhaftende Schweigen bricht Zavadlav in seinem Tagebuch. Nicht zuletzt legt er den menschenverachtenden Charakter des Titoismus frei. Schildert den Abrechnungsfuror 1945/46, der auch Spuren und Betroffenheiten im Grenzraum Kärntens und der Steiermark hinterließ. Er nennt die Schergen Titos. Ohne Zurückhaltung. Beschreibt seine Involvierung in den "Säuberungen" und lässt so die Schrecken dieser Zeit an sich heran. Das jetzt auch in deutscher Sprache vorliegende Tagebuch ist ein Dokument persönlicher Vergangenheitsbewältigung, eine späte Beichte.
Zdenko Zavadlav, "Späte Beichte". Aus dem Tagebuch eines OZNA-Mannes. Verlag Hermagoras/Mohorjeva, Klagenfurt/Celovec 2010. Preis: 29.90 Euro













