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Zuletzt aktualisiert: 09.03.2010 um 20:29 UhrKommentare

"Wenn's umgekehrt wäre, hätten wir keine Welt"

Herbert Pietschmann (73), Physiker mit philosophischem Tiefblick, diskutiert im Bildungshaus Tainach über Glaube und Wissenschaft.

Foto © AP

I m Bildungshaus Tainach treten am Samstag "Naturwissenschaft und Theologie in Dialog". Seit wann ist ein solcher, historisch betrachtet, überhaupt nötig?

HERBERT PIETSCHMANN: Die Naturwissenschaft hat sich eigentlich nicht in Gegnerschaft zur Kirche entwickelt, sondern die Kirche selbst hat etwa aufgrund der notwendigen Kalenderreform unterschieden zwischen Wahrheit und Hypothese und gesagt: "Wer die Wahrheit angreift, wird verbrannt". Giordano Bruno noch 1600. Aber nicht, weil er behauptet hat, "die Erde dreht sich um die Sonne", sondern, dass Jesus ein Mensch war und nicht Gott oder ähnliches. Hypothesen durfte jeder machen, weil die notwendig waren, um beispielsweise so komplizierte Sachen wie die Kalenderreform zu erklären.

Wann kam es dann zur Spaltung?

PIETSCHMANN: Die passierte meiner Meinung nach unter Benedikt XIV. im 18. Jahrhundert. Wobei dieser Papst sehr an Mathematik interessiert war und gerne mit Voltaire Frieden geschlossen hätte. Voltaire war ja der große Aufklärer, der gesagt hat: "Jetzt haben wir die Religion Newtons. Jetzt brauchen wir die christliche Religion nicht mehr." Dieser Friede ist dem Benedikt XIV. aber von der Kurie vereitelt worden.

Sie haben bereits vor 30 Jahren in Ihrem Bestseller "Das Ende des naturwissenschaftlichen Zeitalters" die Abkehr von einer rein materialistischen Weltsicht propagiert. Sehen Sie sich heute bestätigt?

PIETSCHMANN: Ja. Es geht um die Frage der Transzendenz: Ob wir in einer Welt leben wollen, die wir nur materiell erklären oder ob wir anerkennen, dass der Geist auch eine Rolle spielt. Mein Leitsatz stammt von Carl Friedrich von Weizsäcker. Der hat gesagt: "Philosophie stellt diejenigen Fragen, die nicht gestellt zu haben die Erfolgsbedingung des wissenschaftlichen Verfahrens war". Das heißt: Man muss als Physiker einfach zugeben, dass die großartigen Erfolge der Naturwissenschaften nur unter der Bedingung erreicht wurden, dass man auf gewisse Fragen verzichtet hat: etwa auf Fragen nach dem Geist und Sinn.

Gerade im Bereich der Kosmologie wird neuerdings vermehrt nach einem zugrundeliegenden Geist gefragt. Manch ein Physiker, wie etwa Walter Thirring, betrachtet die Welt sogar als "Intelligent Design". Teilen Sie diese Meinung?

PIETSCHMANN: Walter Thirring war mein Lehrer und ist jetzt mein Freund. Ich finde es wunderbar, wenn er persönlich zum Glauben gefunden hat.

Ist das eine Glaubensfrage?

PIETSCHMANN: Na ja, schon. Denn für die Atheisten ist ja alles Zufall. Ich selbst brauche aber kein "Intelligent Design", um den Sinn in der Welt zu finden, wie ich auch unlängst in meinem neuen Buch "Die Atomisierung der Gesellschaft" ausgeführt habe.

Welche naturwissenschaftlichen Fakten würden Ihrer Meinung nach für einen intelligenten Schöpfungsakt sprechen?

PIETSCHMANN: Das einfachste, was mir immer einfällt, ist, dass das Neutron schwerer ist als das Proton. Das hat man lange nicht verstanden. Wenn´s umgekehrt wäre, würde nicht das Neutron zerfallen, sondern das Proton. Dann hätten wir keine Atome und somit auch keine Welt.

Man könnte natürlich annehmen, dass der Kosmos viele Anläufe nahm, bis es endlich klappte.

PIETSCHMANN: Diese Multiversen-Theorie ist meines Erachtens nur eine Lachnummer. Die Leute tun so, als ab das Physik wäre. Aber Physik beruht auf Dingen, die man überprüfen kann.

Da Sie strikt zwischen dem Wissenschafter und dem Privatmann unterscheiden: Glaubt der Mensch Herbert Pietschmann an ein höheres Wesen hinter der Natur?

PIETSCHMANN: Ich gehe nicht in die Kirche, aber ich bezeichne mich als gläubigen Menschen. Ich sage immer: Ich bin Christ. Und das schöne am Christsein ist, dass man sich keine Gedanken über Gott machen muss, weil man ihn jederzeit in der Liebe direkt erfahren kann. In der Liebe ist Gott anwesend.

ERWIN HIRTENFELDER

Zur Person

Herbert Pietschmann, geb. 1936 in Wien, war von 1971 bis 2004 Professor für theoretische Physik an der Uni. Er schrieb zahlreiche populärwissenschaftliche Werke, zuletzt "Die Atomisierung der Gesellschaft".

Im Bildungshaus Sodalitas in Tainach tritt er am 13. März (14 bis 20 Uhr) in einen Dialog mit Franz Kerschbaum und Hubert Philipp Weber. Beitrag: 20 Euro; Infos: 04239/2642; www.sodalitas.at

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