Unter dem Einfluss der "Droge Bernhard"
Dressierte Fliegen in Salzburg, Köpferollen in Maria Saal, Thomas Bernhard in Spittal oder: Utzbach ist überall. Zur Premiere des "Theatermacher" am Stadttheater.

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Im 280-Seelen-Dorf Utzbach, im Gasthof "Schwarzer Hirsch" will der ehemalige Staatsschauspieler Bruscon seine Weltkomödie "Das Rad der Geschichte" aufführen. Seine Schauspieltruppe ist so erbärmlich wie der Wirtshaussaal, was nichts an Bruscons absoluten Qualitätsanspruch ändert. Thomas Bernhard versorgte seinen "Theatermacher" mit entsprechenden Tiraden über die Vergeblichkeit der Kunst, die Verkommenheit des Staates, die Unzulänglichkeit des Publikums und das mangelnde Kunstverständnis der Feuerpolizei.
Dreht man am Rad der Geschichte und sucht in Kärnten Spuren der "Droge Bernhard" (Claus Peymann), so kommt man am Tonhof des Künstlerpaares Maja und Gerhard Lampersberg in Maria Saal nicht vorbei. Hier suchte Bernhard 1957 und 1959 Zuflucht, hier inszenierte Herbert Wochinz die Uraufführung seiner Einakter "Die Erfundene", "Rosa" und "Frühling" , sowie die Lampersberg-Kurzoper "Köpfe" mit einem Libretto von Bernhard, der Jahrzehnte später in "Holzfällen" die Köpfe rollen ließ - seine literarische Abrechnung mit den einstigen Förderern.
"Ort für Europas Komödien"
Eine andere Spätfolge von Thomas Bernhards Aufenthalten bei den Lampersbergs betrifft Christine Lavant, die er zum Suhrkamp-Verlag brachte: 1987 fungierte er als Herausgeber eines Lavant-Gedichtbändchens, in dessen Nachwort er u. a. feststellt: ". . . es ist das elementare Zeugnis eines von allen guten Geistern mißbrauchten Menschen als große Dichtung, die in der Welt noch nicht so, wie sie es verdient, bekannt ist."
Glaubt man der Bühnenbildnerin Annemarie Siller, dann ist Bernhard auch der "Erfinder" der Komödienspiele Porcia: bei einem Ausflug nach Spittal/Drau habe er den Renaissancehof als idealen "Ort für Europas Komödien" befunden. 1961 sorgt der Theatermacher Herbert Wochinz erstmals für das mittlerweile berühmte leichte Lachen.
Auf den Kärntner Bühnen ist Thomas Bernhard in homöopatischen Dosen vertreten: Das klagenfurter ensemble spielte 1999/2000 "Einfach kompliziert". Im Oktober 1999 hatte am Stadttheater Klagenfurt (Regie: Philip Tiedemann) "Der Ignorant und der Wahnsinnige" Premiere. Auf der Bühne standen damals Michael Maertens, Traugott Buhre und Maria Happel. Die neuebuehnevillach eröffnete den neuen Theaterkeller im Mai 2002 mit dem "Theatermacher" (Peter Uray als Bruscon). 2005 spielte das Theater k. l. a. s. auf der Heunburg "Vor dem Ruhestand". An Lesungen bleibt ein "Frost"-Abend mit Annette Bennent (Villach, 2008) unvergessen. Mit Vorfreude blickt man auf den Carinthischen Sommer: Am 25. Juli liest Wolfgang Hübsch den "Theatermacher".
Somit weist selbst die bescheidene Kärnten-Statistik den "Theatermacher" als meistgespielte Bernhard-Komödie aus. Die Uraufführung in Salzburg war - wie bei Bernhard Usus -
von kleineren öffentlichen Erregungen flankiert. Vor der Premiere am 17. August 1985 provozierte die (unernste) Ankündigung von Regisseur Claus Peymann, er werde 800 Fliegen um einen Misthaufen kreisen lassen.
Ansteckungsgefahr
Die "Salzburger Nachrichten" zitierten den Landessanitätsdirektor mit der Bemerkung, "für die Gesundheitsbehörde sei vor einer Stellungnahme zu klären, welcher Mist und welche Fliegen eingesetzt werden sollten"; von einem Amtsarzt hieß es, "die Fliegen könnten auf der Bühne nur dann freigelassen werden, wenn sie nach jeder Vorstellung wieder vollzählig eingefangen würden." Peymann reagierte mit der Presseerklärung, es sei gelungen, "für die Fliegen eine eigene Schutzimpfung zu entwickeln, durch die jede Fliege immunisiert wird, womit jede Ansteckungsgefahr ausgeschlossen ist." Zudem habe man die Fliegen "durch intensives Training" so dressieren können, "dass sie auf Kommando zurück in den Käfig oder in die Direktion fliegen."
Auch auf eine Reaktion aus der Politik brauchte man nicht lange zu warten. Aufgrund kritischer Aussagen seines Protagonisten Bruscon gegen Österreich ritt der damalige Finanzminister und spätere Bundeskanzler Franz Vranitzky eine heftige Attacke gegen den Autor, dem er vorwarf, sich "unter Einstreifen guter Steuerschillinge die eigene Verklemmung vom Leib zu schreiben." Bernhard antwortet in der Zeitung "Die Presse", es handle sich bei Vranitzky ohnehin nur um den "Säckelwart" eines "unter pseudosozialistischer Präpotenz in sich selbst delirierenden Kleinstaates", mit dem sich "ein denkender Mensch schon langer nicht mehr identifizieren" könne.
So betrachtet - und mit der Gewissheit, dass Gefälligkeitstheater nie Berhards Sache war - kommt die Premiere im Klagenfurt des Jahres 2010 doch zur rechten Zeit.
Features
Daten und Fakten
Der Theatermacher von Thomas Bernhard (9. 2. 1931 bis 12. 2. 1989). Regie: Kurt Josef Schildknecht. Premiere: 18. Feber, 19.30 Uhr, Stadttheater Klagenfurt. Karten: 0463754 0 64
Tipp: Ausstellung "Thomas Bernhard und das Theater" im Theatermuseum Wien, Lobkowitzplatz 2. Bis 4. Juli















