Kunst geht durch den Magen: "Augenschmaus" in Wien
Die Ausstellung "Essen im Stilleben" führt vom 16. Jahrhundert bis zu zeitgenössischen Rezepten. Die Appetit- und Übelmacher bewegen sich zwischen exotischen Obstkörben und echtem Menschenfleisch.

Foto © Reger Studios, MünchenFélix Valloton malte dieses "Entrecôte" im Jahr 1914
Mit einem Apfel werde er ganz Paris in Staunen versetzen, behauptete Paul Cezanne. Dass ausgerechnet das malerische Stillleben zum Staunen - und zum Appetit - anregen kann, tritt nun auch das Wiener Kunstforum zu beweisen an: "Augenschmaus" nennt sich die umfassende Schau über das "Essen im Stillleben", die von morgen, Mittwoch, bis zum 30. Mai allerlei kulinarische und künstlerische Delikatessen serviert. Von der niederländischen Malkunst des 16. Jahrhunderts führt die Menüfolge über Cezanne, Van Gogh und Picasso bis zu zeitgenössischen Rezepten einer Maria Lassnig oder eines Christian Ludwig Attersee.
Der Dampf über einer Suppenschüssel, der exotische Reichtum von weit importiertem Obst, das kräftige Blutrot einer Schlachtszene: Die vielfältigen sinnlichen Eindrücke des Essens wählten sich Künstler schon lange zur Herausforderung. Wohlstand wollte man darstellen, die Intimität des häuslichen Lebens, Allegorien von Tod und Vergänglichkeit - oder, wie Cezanne, an den einfachsten Gegenständen die Malerei revolutionieren. "Beim Stillleben gab es eben keine biblischen Hintergründe oder historische Themen. Es war ein malerisches Experimentierfeld", erklärte Kuratorin Heike Eipeldauer beim Presserundgang.
Menschenfleich und mit Lauch angerichteter Totoenkopf
Äpfel und Birnen, barocker Riesenrettich und Attersees Menschenfleisch, Picassos mit Lauch angerichteter Totenkopf und fürstliche Jagdtrophäen, prunkvolle Obstschalen als Symbole kolonialer Herrschaft und verwestes, wieder zusammengenähtes Obst von Zoe Leonard: Übervoll gedeckt ist die Tafel - und die wörtliche Verwandtschaft der Tafel am Tisch und der Tafel an der Wand wurde nicht erst von Daniel Spoerri erkannt. Sein um 90 Grad gedrehter, voll gedeckter und an die Wand gehängter Tisch bringt sie freilich am unverfrorensten auf den Punkt.
Ein eigener Raum des Kunstforums ist dem brachialen Thema Fleisch gewidmet, und man findet sich wieder zwischen den "Sausages" eines Damien Hirst und Fleischerei-Szenen aus der Feder Lovis Corinths. Ein anderes Kapitel untersucht das Essens-Stillleben als Domäne weiblicher Künstlerinnen. Wo Paula Modersohn-Becker oder Anna Vallayer-Coster sich am gedeckten Tisch ihre ganz eigenen malerischen Oberflächenstrukturen schufen, füllt Mona Hatoum den Teller anders: Ein Video führt auf dem weißen Porzellan nicht durch den Mund, sondern durch den Verdauungstrakt in das Körperinnere.
Gewiss, nicht jede der ausgestellten Arbeiten lässt dem Besucher das Wasser in Mund zusammenlaufen. Aber ob es nun Appetit oder Übelkeit ist: Der "Augenschmaus" zeigt jedenfalls, dass, wie die meisten Dinge zum Genießen, auch die Kunst gut und gerne durch den Magen geht.
Fakten
"Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben", von 10. Februar bis 30. Mai, täglich 10 bis 19 Uhr, Freitag 10 bis 21 Uhr, Bank Austria Kunstform.















-Anzeigen
