Rettung der Selbstvergessenheit
Von der Eroberung der Welt als Gestaltungsfeld: Die Kunstpädagoginnen Johanna Sadounig und Barbara Putz-Plecko über die Kapazitäten jugendlicher Kunstförderung.
Sie sind sich einig: Ein zu frühes Einüben in vorgefertigte Denkmodelle ist gar nicht vorteilhaft für die künstlerische Entwicklung von jungen Menschen, ein Einüben, wie es etwa das vorgegebene Nachbauen von Lego-Bausätzen erfordert.
Barbara Putz-Plecko, Künstlerin und universitäre Kunstlehrende, lebt in Ferienzeiten in Damtschach. Sie ist an der Wiener Universität für angewandte Kunst neben den spannenden Lehraufgaben Vizerektorin für Qualitätssicherung.
Auf Augenhöhe traf sie Johanna Sadounig zu einem Gespräch über Kunsterziehung. Sadounig hat als Künstlerin und Kunsterzieherin vor zehn Jahren in Villach am Centrum Humanberuflicher Schulen (CHS) den Zweig für Künstlerische Gestaltung gegründet und heimst nicht nur in Kärnten Anerkennung für diese einzigartige Ausbildung ein.
Beide wollen, dass "bei Kindern und Jugendlichen ein Begehren entsteht, etwas zu gestalten". "Was mich fasziniert, ist die Ausdauer", sagt Johanna Sadounig, die als Kunsterzieherin ins Geschehen eingreift oder gewähren lässt, je nachdem. "Genau darauf kommt es an", setzt Putz-Plecko nach, "so können sich die jungen Leute unter kluger Anleitung von mehreren Richtungen her, sei es durch differente Wahrnehmung, sei es in unterschiedlicher Behandlung der Stoffe" nähern.
Diese "Selbstvergessenheit in frühen Spielformen" gilt es hinüberzuretten in spätere Lebensphasen. "Mein Appell an die Eltern ist, den Kindern Materialien zur freien Gestaltung zu geben", sagt Johanna Sadounig. "Man sollte nicht nur eine Lösung zulassen, sondern sich zwischen den Positionen bewegen können", rät Sadounig. "Der Grenzraum, in dem du dich bewegst, ist veränderbar", meint auch Putz-Plecko. Die künstlerischen Fächer, so herrscht wieder Einigkeit, wären von "immenser bildungspolitischer Relevanz".
Reformpotential
"Die Herausforderung ist, inwieweit sich die anderen Unterrichtsfächer auf diese gestalterischen Prozesse einlassen", betont Johanna Sadounig und fordert auf, Bestehendes zu überdenken und es sich nicht im alten System leicht zu machen. "Lehrer müssen sich selbst fordern, weil darin das Reformpotential der Zukunft liegt", so Sadounig, die der früher am CHS (HBLA) möglichen fächerübergreifenden Matura noch einiges abgewinnen kann, denn "die Themenbereiche waren sehr offen".
Barbara Putz-Plecko hat an ihrer Universität "viele Frauen unter den Absolventen". Sie bedauert aber, dass, was hoffnungsfroh begann, dann im Kunstmarkt und Wettbewerb schwer weiterzutreiben ist. Einerseits gründen die jungen Künstlerinnen Familien und sind dann "aus dem Wettbewerb draußen", andererseits ist erwiesen, dass Männer wiederum junge männliche Künstler eher fördern und mit Preisen versehen als Frauen. "Obwohl sich auch auf diesem Sektor viel tut", wie Putz-Plecko betont und sie fordert begabte junge Menschen auf, sich gerade an ein Kunststudium zu wagen, um die "Welt als Gestaltungsfeld", sei es etwa in den Bereichen Architektur, Design oder Medienkunst, zu erobern.
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