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Zuletzt aktualisiert: 30.10.2009 um 08:01 UhrKommentare

Hoffnung auf die "Liebe im Freien"

Nottdance 09. Die Leiterin des "artemis"-Generationentheaters schildert ihre Eindrücke vom Internationalen Festival für Experimentellen Tanz und wünscht sich Ähnliches für Kärnten.

Les SlovaKs Dance Collective (Slovakia/Belgium), Opening Night

Foto © KK/Musacchio LannielloLes SlovaKs Dance Collective (Slovakia/Belgium), Opening Night

Eine zierliche, blonde Frau mit Pferdeschwanz in beigem Trenchcoat geht selbstbewusst den Gehsteig entlang. Niemand bemerkt, dass sich ihre Lippen bewegen. Nur wir, eine handvoll Zuschauerinnen und Zuschauer verstehen jedes Wort, denn der junge Guide stattete uns eingangs mit Empfängern und Kopfhörern aus. Hat sie wohl nichts vergessen? Die Frau memoriert und kontrolliert im Gehen: handy, cash, credit card, lipstick. Alles da. Ein Seufzer der Erleichterung.

Es ist trüb und mild an diesem Morgen in Nottingham. Ich atme Festival-Luft. Unterstützt vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur nehme ich am Nottdance09-Festival (15. bis 25. Oktober) im 290.000 Menschen zählenden Nottingham teil. 170 km von London entfernt richtet das kleine, ortsansässige Tanzhaus Dance4 zum 20. Mal dieses internationale Festival für experimentellen Tanz und Performance mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln aus.

Nischendasein

Experimenteller Tanz und Performance existieren auch in Kärnten. Häufig künstlerisch unterschätzt blühen sie in kreativen Nischen. Um sich mit internationalen Entwicklungen zu verlinken, muss man derzeit das Bundesland temporär verlassen. Großbritannien bietet sich als Destination an, denn dort mischen die Künstler seit über 40 Jahren die Szene konsequent auf.

Paul Russ, künstlerischer Direktor von Nottdance09, bündelt Highlights der Szene geschickt in unterschiedliche Formate. Vierzehn verschiedene Companien, Kollektive oder Solokünstler spielen und tanzen an elf Abenden in drei verschiedenen Veranstaltungshäusern. Das britische Spektrum erweitern Künstler aus Australien, Belgien, Finnland, Frankreich, Mosambique und Portugal. Workshops und lecture demonstrations runden das Angebot ab. Die Indoor-Aktivitäten kontrastiert Russ mit Interventionen im öffentlichen Raum: einem HipHop-Nachmittag in einem populären Einkaufszentrum, Street Dance in einem ausgewählten Straßenzug und der inszenierten Verfolgung Dream-Work des englischen Performer-Duos Bodies in Flight.

Identität

In "Dream-Work" biegt die zierliche, blonde Frau soeben in einen schmalen Durchgang und nähert sich zielstrebig einer steilen Treppe. Das Hinaufsteigen präsentiert sie als charmanten Tanz: Drei Stufen nach oben, zwei Stufen zurück, Knie beugen, eine Drehung aus der Hüfte, dann sekundenlange Starre ehe neue Schrittkombinationen starten. Die Stadt wird zur Bühne. Urbane Identität steht zur Disposition.

Facettenreich kreist Nottdance09 um den inzwischen inflationären Begriff Identität. Was auf den ersten Blick ausgelutscht wirkt, entpuppt sich als ungebrochen aktuell. So stellen sich die fünf Tänzer des Les SlovaKs Dance Collective in ihrer "Opening Night" ihrem volkstanzgeprägten, raufereierprobten und alkoholdurchtränkten Machismo. Das Finnische Trio Oblivia zeigt in Entertainment "Island 1", wie sehr jugendliche Tanzkultur (älteren) Menschen ihre Körper entfremdet. Der Franzose Rachid Ouramdane konfrontiert in "Far" beklemmend intensiv Frankreich mit seiner Kolonialschuld. Das britische Duo New Arts Club verwebt höchst amüsant in "This is Now" nostalgische Erinnerungen an 80er-Pop-Hits mit Comedy und zeitgenössischem Tanz.

Am Ende der 30-minütigen Wanderung durch Nottingham erreichen wir den Bahnhof. Ehe die Performerin Polly Frame hinter den Schleusen zum Bahnsteig verschwindet, wartet sie vor dem Zebrastreifen an einer Ampel auf Grün. Unvermittelt steht sie unserem Guide, Sam Halmarack, Auge in Auge gegenüber. Der Mann beginnt sanft ein englisches Lied zu singen. Plötzlich steht Liebe im Freien. Ein starker Augenblick und durchsichtiger Hoffnungsschimmer für eine unsichere Zukunft. Schön wäre es, etwas davon heimzubringen.

INGRID TÜRK-CHLAPEK

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Foto © KK/Eija Mäkivuoti

Oblivia (Finland), Entertainment Island 1Foto © KK/Eija Mäkivuoti

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Foto © KK/Chris Nash

New Art Club (UK), This is NowFoto © KK/Chris Nash

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Foto © KK/Chi Wai

Bodies in Flight (UK), Dream-WorkFoto © KK/Chi Wai

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