gu tès zhu lé sen
401.000 Bücher stehen parat auf den zahllosen Laufstegen der Frankfurter Buchmesse. - Einige Eindrücke vom größten Wort-Jahrmarkt der Welt.

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Da mag sich die Frankfurter Buchmesse noch so zukunftsorientiert geben, sie hütet auch ihre Traditionen. Exakt um 12.05 läuten 47 Glocken der ehrwürdigen Nikolaikirche den offiziellen Auftakt ein. Begonnen hat die größte Buchdeckelschau der Welt heuer aber eigentlich schon um 10.24 Uhr (bei aller Reizüberflutung: soviel Zeitsinn muss sein).
Denn zu diesem historischen Zeitpunkt betritt Vokabel-Majestät Marcel Reich-Ranicki die Messehalle 6, flankiert von einer ehrfürchtigen Begleiterschar, geleitet durch das Geraune etlicher Schaulustiger: "Das ist er! Er ist da!" Etwas gebrechlich wirkt der Hohepriester der Kritik, aber seine Sätze samt rollendem "R" kommen nach wie vor im Stechschritt daher. In der Zeit der Orientierungslosigkeit und der Krisen bestehe nur eine Chance auf Hoffnung und Trost, liest er den gebannt lauschenden Zuhörern die Leviten - durch die Lektüre von Klassikern.
Da fügt es sich aber schon gut, dass MRR quasi gleich einen erste Hilfe-Koffer zur Hand hat. Er gibt eine Klassiker-Reihe heraus: "Mein Büchner", "Mein Kleist", "Mein Lessing." Irgendwie gleicht er dennoch einem Jahrmarktschreier, der ein Universalmesser offiereriert, mit dem es sich auch trefflich bügeln und Staub saugen lässt. Aber die Frankfurter Buchmesse ist, was sie immer war: ein gigantisches Jahrmarkt des gedruckten, zuweilen auch gespuckten Wortes. Im Stundentakt gibt es an allen Ecken und Enden Lesungen, rund 2000 Autorinnen und Autoren sind bis Sonntagvertreten präsent. Sie genießen nach all der Stuben-Klausur sichtlich das Vollbad in der Öffentlichkeit.
Wallraff, ungetarnt
"Das ist doch der, der Dings. . .", stammelt sich eine ältere Messebesucherin aufgeregt, ihre Begleiterin nickt, weiß aber auch keine Antwort. Der Daniel Kehlmann ist's, aber echt, neuerdings auch Retter des Bretterwelt, der, unentwegt das Handy am Ohr, durch die Hallengänge stolziert.
Ihn treibt wichtige Mission: Er hebt die neueste Ausgabe des Kindler-Literatur-Lexikons aus der Taufe. Ein wichtiges Zeichen gegen die "Wikipediasierung der Welt" sei das Nachschlagwerk.
Es ist ein verdammt gutes Werk. Denn Kehlmann wird darin ausführlichst gewürdigt.
In einer der Nebenhallen gibt es einen anderen Autor leibhaftig zu bestaunen: Günter Wallraff, diesmal ungetarnt, nicht undercover, sondern mit neuem Cover. Bewehrt mit kraushaariger Perücke, besprüht mit dunkler Farbe besprüht, wandelte er einige Zeit als Schwarzafrikaner durch Deutschland. Das machen mittlerweile die Viertelkomiker zwar diverser Privatsender auch, aber natürlich nicht mit so viel zeitkritischem Enthüllungsgeist. Er hoffe auf Klagen diverser Institutionen, sagt er. Ob er gegebenenfalls vor Gericht als Chinese auftreten wird - wir sind gespannt, wir werden es erfahren.
Turnvater Jahn
Stichwort China: Das Reich der zentralistischen Mitte ist bekanntlich diesmal als Gastland dabei. Höchst umstritten war die Einladung vorher, als höchst lieblos und unergiebig erweist sie sich jetzt die Präsenz. "Die haben ihre Chance ja völlig versemmelt", ärgert sich ein weißbärtiger Herr älteren Jahrgangs, der durchaus einige Semester Sinologie absolviert haben könnte.
Untertrieben hat er mit seinem Groll nicht. Die Kojen sind recht gut versteckt, an Hinweisen mangelt es, wer endlich vor den chinesischen Büchermauern steht,
den erwartet eine immense Flut an Schriftzeichen, aber kaum eine Übersetzung. So bleiben die europäischen Besucher in der absoluten Minderheit.
Die Offiziellen aus China delektieren sich vorwiegend an ihren Nudel-, Reis- und Sojagerichten, ein scheu wirkender junger Chinese irritiert durch eine dicke Mundschutzmaske. Offenbar gibt es also nicht nur "gu tès zhu lé sen", sondern Virenträchtiges.
Chinas Festzelt auf dem Messeplatz ist eine Bankrotterklärung. Im Zelt-Inneren dominiert Kunsthandwerk. Wer will, kann sich ein T-Shirt mit Schriftzeichen bedrucken lassen oder einiges über die Kunst erfahren, Holzstempel anzufertigen. Auf der Bühne vor dem Zelt hopsen fünf junge Männern in bunten Trachten herum, ihr seltsames Getue lasst darauf schließen, dass Turnvater Jahn der wahre Ahnherr der weltberühmten chinesischen Artistik ist.
Also weiter, zu den e-books. Die Branche zeigt sich sehr zurückhaltend, Testgeräte sind Mangelware. Noch ist die Zukunft also nicht ganz digital, noch gibt es, als Oase der Ruhe, den nostalgischen Lese-Pavillon, wo Leon de Winter über seinen nie gekannten Vater erzählt. "Also erfinde ich in jedem Buch einen neuen Vater, und bin immer wieder freudig überrascht über all seine Eigenschaften". Da ist er also, der Zauber der Literatur.
Bleibt die Wahl der Lieblingskoje. Sie offeriert Literatur aus Malaysia, ist kaum eineinhalb Meter breit, birgt einen Holztisch samt Sessel und knapp 50 Buchtitel. - Man sollte Malaysia zum nächsten Gastland küren.
Features
Fakten
Die 61. Frankfurter Buchmesse, die weltweit größte Literatur-Schau, ist bis kommenden Sonntag geöffnet. Für alle Besucher offen steht sie ab Samstag, rund 300.000 Interessenten werden erwartet.
Gastland ist heuer China. Insgesamt gibt es 2600 Veranstaltungen, der Kauf eines Kataloges ist durchaus ratsam, allerdings kostet er, wenig besucherfreundlich, stattliche 23 Euro.
401.000 Bücher, präsentiert von knapp 7000 Verlagen, stehen zur Begutachtung bereit.
















