"Ganoven sind gute, ehrenwerte Leut'"
In seiner Forschung hat er sich auf Strizzis, Sandler und andere Randgruppen spezialisiert. Soziologe Roland Girtler in einer Live-Studie im Wiener Café Landtmann.

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Radtrikot, Plastiksackerl, Wandersrucksack, die Haare zersaust und außer Atem: Roland Girtler stürmt ins Café Landtmann an der Wiener Ringstraße, seinem zweiten Zuhause. "Gehn's Herr Erwin, wir bräuchten einen schönen Tisch, einen am Fenster bittschön." Herr Erwin regelt die Angelegenheit. "Wissen's, den Herrn Erwin hab' ich nämlich in meinem Buch "Herrschaften wünschen zahlen" (Böhlau-Verlag)". Sagt's und versinkt im Plüschsofa. Ein Interview mit dem Professor ist immer Live-Feldforschung diesmal zwischen Burgtheater-Klientel und Augustin-Verkäufer.
Die Story der Urinflasche
"Worüber red' ma denn?", fragt Girtler über seine heiße Schoko gebeugt. Über die Leidenschaft für Randgruppen, bitte! Seine Forschungssubjekte: also Strizzis, Prostituierte, Sandler, Wilderer - oder wie jetzt im interdisziplinären Symposium "Schöpfungen" anlässlich der Ausstellung "Sammlung Prinzhorn" im Stift Admont über Geisteskranke.
Also: Herr Professor, was fasziniert Sie an der Spezies Mensch am Rande? "Nach einem Motorrad-Unfall als Student bin ich wochenlang im Spital gelegen, neben mir kommt ein Strizzi zu liegen, später war er sogar König der Wiener Unterwelt. Die Schwester hat mich nie in Ruh' gelassen. Bis er g'sagt hat: Wenn's weiter so bös' sind zu ihm, nehm' ich einen Fünfzehner, also 15 Jahr im Häfn in Kauf, weil ich Ihnen mit der Urinflasche einen drüberzieh'. Das hat mir imponiert. Statt weiter Jus zu studieren, studiert er fortan die Leut'. In der Soziologie wird er fündig. "Ich wollt' zeigen, dass Ganoven gute, ehrenwerte Leut' sind. Oft viel ehrenwerter als so genannte feine". Die eine Gesellschaft gebe es nicht. "Sie besteht aus vielen Gruppen. Zur Randkultur wird sie dann, wenn die Allgemeinheit sie als problematisch sieht".
Ihre Sprache, seine Sprache
Girtler polarisiert. Mit Taten und Worten. Er schreibt unkonventionelle Kolumnen für Massenmedien, fährt Rad, jongliert ("mit vier Bällen") und seine Sprache ist jene der einfachen Leut'. Ein Augustin-Verkäufer kommt zum Tisch. In wenigen Brocken Rumänisch leert der Professor seine Säckel und fragt, woher er sei. "Sehn's, ich begegne ihm mit Respekt. Dann tut er das auch". Eine Haltung als Forschungs-Methode. Girtler taufte seine Methoode ero-episches Gespräch.
"Die Sprache ist der Schlüssel der Kommunikation", sagt der Vagabund, der in Indien, Siebenbürgen oder Tiroler Bergdörfern forschte. Seine Sprache hat ihm auch viele Kritiker gebracht. Legendär, weil unüblich, seine Methoden. "Ich hab' Gauner in meine Seminare eingeladen. Dort haben's was gelernt die Studenten. Nicht von Büchern, die niemand versteht." In solchen Momenten grantelt Girtler ein bisserl. Kurze Plaudereien mit einem Ex-Studenten, je einem Rosenverkäufer und Zeitungs-Kolporteur später, fährt er fort: "Ich will für alle schreiben, hab' Manuskripte schon Sandlern zum Lesen gegeben. Was sagen's dazu?"
Dominas & Sennerinnen
Auf seiner Visitenkarte steht, in folgender Reihenfolge: "Doktor der Philosophie. Vagabund. Feldforscher. Experte für Sandler & Sennerinen, für Dominas & Pfarrerköchinnen, für Aristokraten & Ganoven". Die einfachen Leut', sie liegen ihm am Herzen. Sozialdemokratisch? "Jeder anständige Mensch ist ein bisserl sozial. Das heißt nicht, dass ich ein Sozialdemokrat bin". Das Telefon klingelt, es ist seine Frau. "Die Dame will wissen, ob ich ein politischer Mensch bin". Girtler lacht. Sind Sie? "Nein, ich bin keiner der sich dauernd einmischt und Kritik übt". Kein Revoluzzer, lieber Rebell. Ein Rebell für die einfachen Leut'. "So, jetzt muss ich dem Herrn Erwin noch ein Trinkgeld geben für den Tisch. Persönlich".
Features
Steckbrief
Roland Girtler, geboren 1941 in Wien ist ao. Professor für Soziologie an der Uni Wien; bekannt wurde er durch Feldforschung über Rand-gruppen; zahlreiche Bücher
2000 gründete Girtler das erste Wilderer-Museum in St. Pankraz bei Hinterstoder.















