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Zuletzt aktualisiert: 07.09.2009 um 11:53 UhrKommentare

Faust-Kritiken im Ausland: "Armutszeugnis" und "Bankrotterklärung"

Viel Kritik für Matthias Hartmanns Einstandsinszenierung am Burgtheater und für Tobias Moretti in der Titelrolle. Letzterer wird als "grandiose Fehlbesetzung" bezeichnet.

Tobias Moretti und Gert Voss

Foto © APATobias Moretti und Gert Voss

Hart ins Gericht geht die deutschsprachige ausländische Presse in ihren Montagsausgaben mit der Eröffnungsinszenierung des "Faust" von Matthias Hartmanns erster Saison am Wiener Burgtheater. Als "Desaster", "bis auf die ödesten Banalknochen geist- und sinnfrei abgenagt", "Armutszeugnis und Bankrotterklärung " wird der Mammut-Abend mit beiden Teilen des Goethe-Stücks fast durchgehend verworfen - ebenso wie Tobias Moretti in der Titelrolle als "Fehlbesetzung", "überforderter Schauspielschüler" und "Leerstelle". Lob gab es unterdessen für Gert Voss als Mephisto und vor allem für Katharina Lorenz' Gretchen.

"Man sieht keine Gedankenlüstlinge und Fühlungsnehmer, nur lauter Leerläufer, die ihren schnöde zusammengekürzten Versen verzweifelt hinterherklappern", urteilt etwa die "FAZ". "Sieben Stunden lang. Diese dehnen sich in der Tragödie zweitem Teil trotz purem Videoschnipselreigen und dümmlichster Szeneninhaltsangabe statt Szenenspielen endlos lange. Es wird hier vor Goethes allegorischer Phantasie und Fülle aufs kläglichste kapituliert. Es ist, als hätte der Zahn der Zeit, den ihre moderne Kostümierung nahelegt, diese Aufführung bis auf die ödesten Banalknochen geist- und sinnfrei abgenagt."

Keine Liebe, keine Geilheit

In der "Frankfurter Rundschau" versucht sich Peter Michalzik den "enormen den neuen Intendanten innig umarmenden Beifall" des Burgtheater-Publikums zu erklären: "Vielleicht weil er so inszeniert hatte, als sei er schon sein Leben lang Burgtheaterintendant". Die Inszenierung, insbesondere der "gewichtigere" erste Teil sei allerdings "erstaunlich vor allem in seiner absoluten Unbelecktheit von jedes Regie- oder sonstigen Gedankens Befruchtung. Da findet sich, auch bei bereitwilliger Suche, keine Idee in diesem Philosophendrama, diesem Weltstück, diesem Gedankenturm". Tobias Moretti habe sich "unglaublich rechtschaffen" bemüht, aber: "Da ist kein Erkenntnisdrang, keine Liebe, keine Geilheit, da ist nicht einmal ein Hallodri. Von diesem Nichts würden wir uns auch nicht aus dem Kerker retten lassen! Faust, eine Leerstelle, 'Faust' ohne Faust. Wenn der Begriff Fehlbesetzung greift, dann hier. Oder ist da einfach etwas schiefgelaufen zwischen Regisseur und Schauspieler?" Katharina Lorenz als Gretchen sei dagegen "eine Sensation. Wahrscheinlich ist das die zugleich zeitgemäßeste und textnaheste Interpretation des Gretchens seit langem."

Den "falschen Faust" wählte Hartmann auch für die NZZ: "Während Voss dem clownesken Mephisto bewundernswerte Souplesse gönnt, den Pudel mit hechelnder Zunge, Quastenmütze und wedelndem Hinterteil allerliebst gibt und in Smoking und Strohhut auch Frau Marthe flugs bezirzt, weiss Tobias Moretti offensichtlich nie, was er mit der Titelrolle anfangen soll. Den Anfangsmonolog murmelt er in der dunklen Tiefe der Bühne, verschanzt hinter seinem Laptop. Gepackt von einem Raptus, zerschmettert er besagten Laptop alsbald und verfüttert ihn dem Shredder. Kahlrasiert steht Moretti da, sich von Satz zu Satz hangelnd. Was außerdem das Problem seines Faust sein könnte, bleibt gänzlich verborgen: Die Metaphysik hat Hartmann gestrichen."

In der "TAZ" wird vor allem der Kontrast zwischen den beiden Hauptdarstellern unterstrichen: "Okay, Gert Voss lieferte als tänzelnder und züngelnder Jahrmarkt-Mephisto die Rampen-Show, die man sich von ihm erwarten darf, sorgte damit aber auch mit dafür, dass Tobias Moretti nicht wie ein 'Habe nun, ach, alles studiert', sondern wie ein überforderter Schauspielschüler wirkte. Mehr war da nicht, während Hartmann in 'Faust II' einmal mehr den Avantgardisten in sich entdeckte und aus Goethes pandämonischer Griechen-Reste-Rampe eine sinnfreie Videoexkursion machte. 'Mit Goethe baden gehn' hätte das Motto des Neustarts bis dahin lauten können, wäre auf die zwei Fäuste nicht doch noch ein Halleluja in Form von Roland Schimmelpfennigs 'Der goldene Drache' gefolgt."

In der "Welt" zitiert Ulrich Weinzierl aus dem Abend: "'Stadttheater! Scheißtheater! Burgtheater!' Falls er das als Steigerungsform meinte, hatte er Recht." Die Inszenierung "verärgert nicht zuletzt in ihrer intellektuellen Dürftigkeit: Wir finden nicht die Spur von einem Geist, und alles ist Dressur. Das Armutszeugnis des ersten Teils trennt von der Bankrotterklärung des zweiten nur eine Pausenstunde. Die läppisch bebilderte Reader's Digest-Fassung der größten abendländischen Bildungsreise quer durchs mythologische Gebirge ist eine Video-Klamotte, eine virtuelle, oft ahnungslos veräppelnde Inhaltsangabe mit ausgetauschtem Kleinensemble. Aus ihm sticht einzig Joachim Meyerhoffs Mephisto hervor. Er wäre auch in 'Faust I' die bessere Besetzung gewesen."

"Eine grandiose Fehlbesetzung"

"Eine grandiose Fehlbesetzung" ist Moretti auch für die "Stuttgarter Zeitung": "Keinen Moment lang glaubt man diesem männlich-sinnlichen Kraftpaket die zerquälte Einsamkeit der Studierstube und die verzehrende Sehnsucht nach dem nicht gelebten Leben, da hilft auch keine Glatze." Dennoch "trübte kein einziges Buh den "kurzen, aber entschlossenen Jubel - dazu gab es auch keinen Grund, denn an dieser Aufführung ist nichts, was irritieren oder gar verstören könnte. Das bedeutet aber zugleich, dass eine persönliche gedankliche Auseinandersetzung des Regisseurs mit Goethes gewaltigem, visionärem Menschheitsdrama nicht stattgefunden hat. Das scheint auch nicht sein Ziel gewesen zu sein."

Ein Abend, "den es besser zu verschweigen gälte, befänden wir uns nicht am Wiener Burgtheater", orten die "Stuttgarter Nachrichten": "Die Burg ist, noch immer, eine der wichtigsten deutschsprachigen Bühnen: das beste Budget, das größte Ensemble, die höchsten Ansprüche(...) Endlich!, atmete die ins Klassische verliebte Stadt auf, endlich wieder 'Faust' an der Burg. Es ist ein Desaster. Hartmann hat den Willen zur großen Geste, aber keine Haltung zum Stoff, keine inhaltliche Idee und offenbar kein Inszenierungsvermögen, das über das bloße Organisieren des Textmaterials hinausweist."


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