Wenn Mephisto mit Fausts Seele abfährt
Das Burgtheater hat einen neuen Faust, besser gesagt, einen Mephisto. Der Star des Abends ist Gert Voss, der dem Titelhelden Tobias Moretti die Schau stielt.

Foto © ORF/faust.geballt
Matthias Hartmann, der neue Burgtheater-Direktor, hat hoch gepokert. Mit dem bedeutendsten Text der deutschen Klassik zu beginnen, ist riskant. Aufs Ganze gesehen, ist sein Plan aufgegangen: das nach sechseinhalb Stunden erschöpfte Publikum war begeistert.
Hartmann inszeniert die völlig unterschiedlichen Stücke völlig unterschiedlich. In Teil 1 begnügt er sich mit den Mitteln des Schauspielertheaters: Sprachwitz, Situationskomik, Darstellerkunst. Hartmann braucht keine technischen Hilfsmittel als Scheinwerfer, als Bühnenbild weiße, versenkbare Kuben (Inkubus ist einer der Namen des Teufels), ein paar Requisiten. Hackte Faust nicht seinen Monolog in einen Apple, donnerten nicht kaputte Computer auf die Bühne - das Heute fehlte ganz und gar.
Nach der große Pause fängt Hartmann völlig neu an, mit anderen Schauspielern und allem, was Regietheater und Bühnentechnik in den letzten Jahren erfunden haben: Videos, Musiker am Bühnenrand, faschierte Texte, garniert mit selbst Gereimtem. Hartmann mag Ideologie nicht, sagt er. Also versöhnt er einfach Tradition und Avantgarde, um zu zeigen, dass beides gut sein kann.
Groß war die Neugier, ob das Besetzungskalkül aufgehen würde. Ein junger Faust, ein alter Mephisto: Tobias Moretti gegen Gert Voss. Ein ungleiches Kräftemessen, das übel endet: Mephisto fährt mit des Doktors Seele ab.
Tobias Moretti steht neben seiner Rolle. Er spricht leise, als rezitiere er Faust. Bei einem Sänger würde man sagen, er wirkt indisponiert. Vielleicht ist der sympathische Mann das aber habituell. Den intellektuell überheblichen, egomanischen Widerling zu geben, muss man wohl ein Stück davon in der Brust tragen. Auch die Doppelseele, von der Faust redet, glaubt man Moretti nicht. Er ist auf der Flucht vor der Größe - seiner Vorgänger, der Mitspieler, der Worte und Bedeutungen. Sein Versuch, dem Gewicht des Textes mit Beiläufigkeit beizukommen, erzeugt Langeweile. Moretti scheint es gespürt zu haben. Sichtlich unzufrieden setzte er sich dem Jubel des Publikums aus, das sich an ihm trotzdem freute.
Anders Gert Voss. Der Mann kann alles und muss es nicht mehr beweisen. Lässig streunt er über die Bühne, mit dem schwankenden Gang, den der Filmschauspieler Heath Ledger als Joker geprägt hat. Auch der rot geschminkte Mund und die ungewaschenen Haare erinnern an den Psychopathen aus dem Batman-Film "The Dark Knight". Es ist unmöglich, den Blick von diesem Teufel zu wenden. Pudel müssten erbost ihr Abo zurückgeben, könnten sie sehen, wie er sie nachäfft. Das Publikum lacht wie sonst nie bei "Faust".
Gewimmert wird nicht
Zum Beispiel über Maria Happel. In ein zu enges Kleid gepresst watschelt Marthe Schwerdtlein selbstvergessen als Knackwurst über die Bühne, zerrissen zwischen Lüsternheit und bigotter Frömmelei - ein Kabinettstück.
Ein neues Gretchen gestaltet Katharina Lorenz . Sie ist kein einfältiges, frommes Ding vom Land. "Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer" sagt sie wütend, fast berstend vor Lust und Liebe, kämpferisch, nicht resigniert. An dieser Stelle wird sonst schon gewimmert. Katharina Lorenz tut das bis zum Tod nicht, bleibt kühn und bewegend.
Im zweiten Teil versucht Hartmann gar nicht erst, das Stück aufzuführen. In knapp zwei Stunden fegt eine Gruppe Schauspieler spaßig durch das Textmassiv, hält da und dort und erklärt zwischendurch den Leuten, was gerade passiert. Gelegentlich wird's arg banal, wenn Hartmann zur Geschichte der Erfindung des Papiergelds einen Exkurs über die Finanzkrise fügt. Wer Goethe genau zuhört, hätte sich das auch unaufgefordert gedacht.
In Zukunft wir das Burgtheater die Abende separat spielen. Das ist eine gute, zuschauerschonende Idee. Der zweite Teil ist völlig eigenständig, es gibt keinen Grund, die Stücke zu verbinden.
An Faust kann man nur Scheitern, die Frage ist nur, wie: kläglich, in Würde oder grandios. Hartmann ist eine Mischung aus grandiosem und würdevollem Scheitern gelungen. Das ist schon viel, angesichts der Fallhöhe.


















