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Zuletzt aktualisiert: 31.08.2009 um 17:41 UhrKommentare

Wirbel um "nackte Wahrheit" über CCTV-Tower in Peking

Kritiker erkennen in den neuen Gebäuden des Staatsfernsehens weibliche und männliche Geschlechtsorgane.

Foto © AP

Architektur soll die Fantasie beflügeln. Die "nackte Wahrheit", die chinesische Medien jetzt über den ehrgeizigen Neubau ihres Staatsfernsehens CCTV in Peking enthüllen, geht aber doch etwas weit. Scherzten die Pekinger zuerst über die "Hosenbeine" oder "Boxershorts", glauben jetzt Kritiker, in der Konstruktion sogar die weiblichen und männlichen Geschlechtsorgane zu erkennen.

"Das Hauptgebäude ist eine nackte Frau auf Knien, das Hinterteil dem Zuschauer zugewandt - und der Anbau hat die Form eines Phallus! Meine Güte!", schrieb der pensionierte Architekturprofessor der renommierten Qinghua Universität, Xiao Mo. Empört über den "gigantischen Hintern" stimmt der Professor jenen zu, die eine nationale Schande sehen und den Komplex am liebsten abreißen wollen: "Ich wüsste keinen Grund, warum er nicht gesprengt werden sollte."

Der Professor, dessen Artikel im chinesischen Internet weit verbreitet wurde, gilt als Kritiker ausländischer Architekten, die sich in Chinas Bauboom austoben können. Seine Assoziation mit der vorn übergebeugten Frau kommt nicht von ungefähr: Der Vergleich stammt ausgerechnet aus dem Magazin "Content" des Architektenbüros OMA des Niederländers Rem Kolhaas, der das schätzungsweise eine Milliarde US-Dollar teure Gebäude mit seinem deutschen Partner Ole Scheeren entworfen hat. Es zeigt ein Bild vom CCTV-Torbogen hinter einer nackten Frau auf Knien, deren Hinteransicht und Beine parallel zur Form der Stahlkonstruktion verlaufen. "So haben sie Architektur noch nie betrachtet", lautet die Überschrift.

Zwar handelt es sich nur um einen Designer-Entwurf für ein Titelbild von 2004, der verworfen worden war, als Mini-Bild aber dennoch Einzug in den Anhang fand. Als Magazin-Cover wählte das Architektenbüro vielmehr ein Bild des CCTV-Towers mit Karikaturen von George W. Bush, Kim Jong Il oder Saddam Hussein als Rambo. Damit sollte die neue Sendezentrale des Staatssenders als "positives und leuchtendes Symbol einer veränderten Weltordnung" erscheinen, wie Kolhaas jetzt "unsere aufrechte Intention mit dem Design" interpretierte. Es gebe keine "versteckte Bedeutung", entgegnet er jenen Chinesen, die einen absichtlichen, bösen Scherz vermuten.

Pornografie?

Die pornografischen Designer-Entwürfe sind keineswegs neu und seit Jahren auf einer chinesischen Kunst-Website zu finden. So wundert sich Kolhaas über die plötzliche Aufmerksamkeit und distanziert sich "nachdrücklich von den Interpretationen, die den Bildern zugeschrieben werden". Die Ursachen für die Debatte liegen auch viel tiefer. So herrscht Unmut, dass ausländische und nicht chinesische Architekten die Prestigebauten des aufstrebenden Chinas entwerfen. Auch beklagt das Volk eine Verschleuderung von Milliarden. Und Chinas allmächtiges Staatsfernsehen, das sich hier ein Denkmal setzt, steht als steifes Propaganda-Organ mit einem hausbackenen Programm ohnehin im Schussfeld der Kritik.

Kaum verhohlene Schadenfreude löste Anfang des Jahres ein Feuer im nahezu fertiggestellten Anbau der neuen Sendezentrale aus, der in einem weiteren Entwurf des "Content"-Magazins 2004 noch als lebensgroßer Penis mit zwei halbnackten Frauen karikiert worden war. Ein gigantisches Feuerwerk, das der Staatssender ohne Genehmigung zum Ende des Neujahrsfestes gezündet hatte, ließ das 159 Meter hohe Gebäude wie eine Fackel niederbrennen. Der Streit um die Brandruine verzögert jetzt die Eröffnung des ganzen Komplexes, der vielen Chinesen vielleicht auch einfach zu avantgardistisch ist.

Die zwei L-förmigen und schrägen Türme, die in 160 Meter Höhe durch eine 70 Meter hohe Auskragung vereint werden, beschreibt der deutsche Architekt Scheeren gerne als "Käfig oder eine Röhre, die im Raum gefaltet ist". Er sieht einen "Loop", also einen Kreislauf, der dem Staatssender auf seine Weise eine neue Organisationsstruktur vorschlägt, die keine vertikale Hierarchie mehr kennt. Deswegen nimmt der berühmte chinesische Künstler und Architekt Ai Weiwei, der das "Vogelnest" genannte Olympiastadion mitgestaltet hat, seine Kollegen in Schutz. Eine "einfache Imitation von Genitalien" sei sicher nicht ihre Inspiration gewesen, zitierte ihn die "China Daily". Mit Humor und Tiefsinn zugleich nimmt es das kommunistische Partei-Organ "Zhongguo Qingnianbao": "Die Verehrung der Fortpflanzung ist ein allgemeiner Brauch in primitiven Gesellschaften."

Von Andreas Landwehr/dpa

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