Sommergespräch: "Ich bin vom Misthaufen an die Universität"
Autor Josef Winkler über sein Leben in Klagenfurt, das Filmporträt "Kinoleinwandgeher" und das Ehrendoktorat der Uni Klagenfurt.

Foto © KLZ / KoscherEin Engel leistet Josef Winkler im Arbeitszimmer Gesellschaft
Josef Winkler lädt zum Sommergespräch in sein Arbeitszimmer im Gebäude der Universität Klagenfurt in der Sterneckstraße. Dort leisten ihm ein Engel, den er vor einem Stockenboier Pfarrhof aufgelesen hat, und Holz-Elefanten, die er aus Indien mitgebracht hat, beim Schreiben Gesellschaft. Auf einem kleinen Tisch neben einer indischen Figur ein Strauß Gladiolen - Winklers Tribut an "den kleinen Dieb, dem von hinten ins Herz geschossen wurde, nur weil er sich eine Lebens- und Genussmittel-Tasche mit Cola, Bier und Spaghetti füllen wollte."
Wie lange leben Sie mittlerweile schon in Klagenfurt?
JOSEF WINKLER: Wenn ich alle Jahre zusammenzähle - ich war auch jahrelang weg - werde ich das zweite Jahrzehnt in Klagenfurt bald vollenden.
Was ge- oder missfällt Ihnen?
WINKLER: Über die politischen Dinge habe ich mich schon geäußert - die kommen ja auch in meiner Rede (Anmerkung der Redaktion: zur Eröffnung des Bachmann-Wettlesens) vor. Da ist ein großes Missfallen da.
Haben Sie jemals überlegt, Klagenfurt zu verlassen?
WINKLER:: Der Suhrkamp Verlag möchte mich ja nach Berlin locken. Ich habe zu meinem Sohn gesagt: Suchen wir uns eine Wohnung in Berlin. Doch dann sagt der 14-Jährige zu mir: Meine Heimat ist Klagenfurt, in Klagenfurt möchte ich auch sterben. Was Kärnten und Klagenfurt betrifft, halte ich es mit Herbert Achternbusch, der über Bayern Folgendes gesagt hat: Diese Gegend hat mich kaputt gemacht und ich bleibe solange, bis man ihr das ansieht. Und was das Schreiben betrifft: Es wäre für die deutschsprachige Literatur katastrophal, wenn alle Schriftstellerinnen und Schriftsteller am Prenzlauer Berg in Berlin oder im zweiten Bezirk in Wien wohnen würden.
Kompensieren Ihre Reisen nach Indien, Mexiko, Japan etc. die Enge Klagenfurts?
WINKLER: Das kann man ruhig so sagen. Ich werde auch in ganz Mitteleuropa zu Lesungen eingeladen, weil meine Bücher in etlichen Sprachen erschienen sind - in französisch, englisch, spanisch, demnächst kommt ein Buch auf türkisch heraus. So weit es möglich ist, nehme ich meine Familie immer mit.
Gehen die Stadt Klagenfurt und das Land Kärnten sorgsam mit ihren Künstlern um?
WINKLER:: Der verstorbene Landeshauptmann hat die kritischen Künstler entweder ignoriert oder bekämpft. Vor allem Cornelius Kolig, einen der bedeutendsten Künstler nicht nur Kärntens sondern Österreichs.
Was bedeutet Ihnen die Anerkennung der Gesellschaft?
WINKLER:: 1979 ist mein erstes Manuskript fertig geworden. Das hat Klaus Amann, der Leiter des Musil-Instituts, Martin Walser gegeben, der es dem Suhrkamp Verlag geschickt hat. Ich war innerhalb von wenigen Tagen Suhrkamp-Autor. Es hat damals einen bestimmten Kreis gegeben, der sich für diese Art von Literatur interessiert. Meine römische Novelle "Natura morta" ist, noch bevor ich den Büchner-Preis bekommen habe, 30.000 Mal verkauft worden. Als mir der Büchner-Preis zugesprochen wurde und ich zu Lesungen eingeladen worden bin, habe ich gesehen: Jetzt bin ich mit meinen Büchern ins Bürgertum eingebrochen. Mit der Rede beim Bachmann-Wettbewerb bin ich plötzlich mit wenigen Seiten in alle Gesellschaftsschichten eingedrungen. Wenn ich nun durch die Straßen gehe, ist es immer so, dass ein Bekannter oder Unbekannter mich auf diese Rede anspricht. Jetzt sind die Leute aufmerksam geworden und fragen: Was ist da los? Was machen die mit unserem Geld? Wir haben nicht einmal eine eigene Stadtbibliothek, wie es sie in jeder Stadt Mitteleuropas gibt.
Seit 13 Jahren bemüht sich Klaus Amann, das Geld für den Ankauf Ihres Vorlasses aufzutreiben. Stört Sie, dass die Politik das nicht forciert?
WINKLER:: Dass es bis jetzt nicht passiert ist, bereue ich nicht. Ich habe geschrieben und geschrieben und weitergeschrieben und ich habe hohe Auszeichnungen bekommen. Es ist nicht billiger sondern teurer geworden. Vielleicht gelingt es irgendwann. Und wenn nicht, bekommen es die Kinder. Denn es ist das Familiensilber. Es zu verschenken, kann ich mir nicht leisten.
Der Film "Kinoleinwandgeher" hat am 15. August im Burghof Premiere. Was bedeutet er Ihnen?
WINKLER: Es sind in den letzten drei Jahrzehnten öfter kleine Porträts über mich fürs Fernsehen gedreht worden. Aber dieser Film ist - bei allen Schwächen und Stärken - etwas Außergewöhnliches, weil er meine Bildsprache, die ich zwischen zwei Buchdeckel gebannt habe, zeigt.
Was bedeutet Ihnen das Ehrendoktorat der Uni Klagenfurt, das Sie am 16. Oktober erhalten?
WINKLER:: Ich bin stolz darauf, denn ich bin in einer gewissen Weise an der Universität aufgewachsen. Ich habe dort zwölf Jahre im Büro gearbeitet. Als 19- oder 20-Jähriger bin ich praktisch vom Misthaufen weg an die Universität gekommen. Ihr habe ich unendlich viel zu verdanken. Und weil ich kein Akademiker bin und nicht einmal Matura habe, bin ich stolz, dass ich auf diese Art und Weise zu akademischen Ehren - wenn man das so nennen kann - kommen werde.
Features
Fakten
Josef Winkler. Geboren am 3. März 1953 in Kamering (Drautal), verheiratet, Sohn Kasimir (13), Tochter Siri (6).
Karriere. Erster Roman "Menschenkind" (1979), seit 1982 freier Schriftsteller, mehrfach ausgezeichnet (unter anderem Büchner-Preis 2008, Staatspreis 2007).
Kinoleinwandgeher. Premiere des Filmporträts 15. August, 20.30 Uhr, Burghof in Klagenfurt.













