Valåsn im neuen Gewand
Wer zum Ossiacher See fährt, um mit Thomas Koschat "Am Wörthersee" zu landen, erlebt einen Abend, der vor allem eines ist: Ganz anders als erwartet.
Überraschung in Günther Domenigs Steinhaus: Ein Reserve-Waluliso mit Hirschgeweih an der Ferse lädt "verehrte Zeitreisende" zum Ausflug in den Hades. Unkoordiniert endet der Abstieg für etliche bereits am Treppenabsatz.
Ersatz.
Quasi als Ersatz macht sich die Unterwelt bald mit strengem Odeur (aus dem WC?) bemerkbar; und Waluliso heißt eigentlich Hermes, ist nicht Götterbote, sondern ein Wart für Reisende (Manfred Maria Stella). Dann geht's schon volle Fahrt voraus auf dem Musikteppich von Karen Asatrian, der sich als rhythmisch aufgeladener Jazz-Rock über dem Text bauscht, zusammenkracht und in Wellen den Abend aufmischt. Mit enthusiastischen Könnern wie Wolfgang Puschnig, Ismael de Jesus Barrios Orozco oder Richard Klammer gelingt das überzeugend. Der Kärntner Liederfürst Thomas Koschat käme einem dazu kaum in den Sinn.
Schauwert. Karl Welunschek hat den "Orpheus und Eurydice"-Mythos mit Thomas Koschats Singspielvorlage "Am Wörther See" verknüpft. Wer letzteres nicht kennt, hat vermutlich nicht weniger Durchblick. Orpheus (Simon Hatzl) singt nicht, er ist ein Frauenheld, der in Eurydice (Elke Jochmann), dem unbedarften Mädel vom Land, das nächste Opfer findet. Eindrucksvollste Figur ist Maria, die Verlobte von Orpheus, die Tamara Stern in ein gezischt-gekeuchtes Lautkostüm steckt. Auf diesem Untergrund absolviert Regisseur Gerhard Fresacher einen Wellenritt mit hohem Schauwert. Er bindet das Ensemble - ganz "work in progress" - in einer Probensituation, aus der sich unschlüssig Personen, Dialoge und Handlungsstränge lösen. Ein Holzsteg, ein Fürstenstein, ein Fauteuil reichen als Requisiten, Haus und von der Zuschauertribüne einsehbarer Garten spielen mit. Poesie wechselt mit Bemerkungen im breiten Dialekt, schlägt um in wüste Ausbrüche.
Kühner Auftritt.
In den Glaswänden des Steinhauses dreifach gespiegelt, live übertragen auf einem Bildschirm, ergänzt durch ein Video ist Thomas Koschat das Alibi für einen Blick auf eine desillusionierte Generation, die inmitten des gigantischen Kommunikationsangebots das Miteinanderreden verlernt hat. Der kühne Auftritt des Männerchores Koschatbund - die Herren steigen durch die gekippte Glasfront ein - wirkt wie eine Inhaltsangabe des Abends: Sie singen Thomas Koschats "Valåsn". Abwarten, ob "Am Wörthersee" mehr wird als "a ansama Stan auf der Stråsn" modernen Musiktheaters.
Features
Zum Stück
Am Wörthersee. Musiktheater nach Thomas Koschat (Buch: Karl Welunschek; Musik: Karen Asatrian) Regie/Bühne: Gerhard Fresacher Termine: 1. bis 3. April, 20 Uhr, Domenig-Steinhaus in Steindorf am Ossiacher See Karten: Tel. 0463/56 400















