Martin Kippenberger im MoMA
Zwölf Jahre nach seinem frühen Tod hat Martin Kippenberger erreicht, wovon die meisten Künstler seiner Generation nur träumen dürfen.
Das New Yorker MoMA, Walhalla für die Großen der
modernen und zeitgenössischen Kunst, stellt das Werk des deutschen
Provokateurs in einer Retrospektive vor. Ein komplettes Stockwerk und
sein Atrium hat das Museum dem auch in den USA nur begrenzt bekannten
Maler, Bildhauer, Installationskünstler und Fotografen posthum zur
Verfügung gestellt. Besuchern kündigt es "einen der bedeutendsten und
einflussreichsten Künstler unserer Zeit" an. Die Ausstellung "Martin
Kippenberger: The Problem Perspective" wurde am Sonntag eröffnet.
Seine Welt. Sie führt in die Welt eines Mannes ein, der "aus allem Kunst
gemacht hat", wie die MoMA-Kuratorin Ann Temkin sagt. "Kein Objekt
war vor ihm sicher." Kippenberger produzierte non-stop, freche
Zeichnungen, Selbstporträts, Landschaften und sexuelle Fantasien auf
Hotel-Briefpapier, Collagen, Skulpturen aus Brettern und alten
Möbeln. Einem kleinen grauen Gemälde (1972) von Gerhard Richter
verpasste er vier Beine und machte ihn zum Beistelltisch. Ein Bild
aus geometrischen Figuren bekam den sarkastischen Titel "Ich kann
beim besten Willen kein Hakenkreuz darin entdecken". Ein anderes mit
dem Titel "Krieg böse" zeigt einen kleinen roten Weihnachtsmann, der
unter der Kanone eines Kriegsschiffes mit seiner Rute wedelt.
Installation. Besonders faszinierend ist Kippenbergers letzte und größte
Installation, "The Happy End of Franz Kafka's 'America'", die Kafkas
unvollendeten Roman von 1927 abschließen soll. Bei Kafka trifft der
Protagonist, ein junger Deutscher namens Karl Rossman, auf der Suche
nach einem Job im Einwanderland USA bei einer Stellenvermittlung ein.
Kippenberger lässt das "Verhör" der Arbeitssuchenden zu einem
Volkssport für ein breites Publikum werden.
Spielfeld. Dieses schaut von Zuschauerrängen auf eine grüne (Rasen-) Fläche.
Auf ihr reiht sich ein Verhandlungstisch an den anderen, mit
Polstersesseln für die Vermittler und harten Holzstühlen oder auch
Kindersitzen für die armen Einwanderer. Der Volksfestcharakter wird
durch ein Karussel, das sich um ein riesiges Spiegelei dreht, sowie
Liegestühle mit Schirm und Barhocker am Rande des "Spielfelds" noch
herausgestrichen.
Vorbilder. In anderen Arbeiten nimmt es Kippenberger mit großen Kollegen auf,
Henri Matisse, Joseph Beuys und vor allem Pablo Picasso. Drei Bilder
in der Retrospektive zeigen ihn - ähnlich wie den schon betagten
Picasso auf einem Foto - in halblangen Unterhosen mit Bauch und
Bartstoppeln. In einer Serie mit dem Titel "Jacqueline: Die Bilder,
die Picasso selbst nicht mehr malen konnte" (1996) malt er Picassos
trauernde Witwe nach Fotos, die nach dem Tod ihres Mannes aufgenommen
wurden.
Begeisterung. Die "New York Times" begeisterte sich in einem ausführlichen
Beitrag für den Künstler und sein Werk. Kippenberger habe die
Kunstszene in einer Zeit betreten, als die entscheidenden Impulse des
späten 20. Jahrhunderts bereits passé waren, Pop, Minimalismus,
Konzeptkunst und Neo-Expressionismus. So habe er sich hier und dort
bedient und aus der Mixtur Neues geschaffen, schrieb die Zeitung.
Bewunderung zollt sie dem gebürtigen Dortmunder vor allem für den
Umfang und die Komplexität seines Lebenswerks.
Früher Tod. Kippenberger war gerade 44 Jahre alt, als er in Wien an
Leberzirrhose starb. Er hatte es nirgendwo lange ausgehalten, die
Schule frühzeitig abgebrochen, in Florenz, Berlin, Paris, Köln,
Madrid und Los Angeles gelebt, wo auch die Retrospektive entstand,
die jetzt in New York zu sehen ist. Bei der Arbeit wie im Privaten
ging der Künstler immer aufs Ganze, "mit Vollgas, den Fuß auf dem
durchgedrückten Gaspedal und den Kopf benebelt" von Alkohol oder
Drogen. So blieben ihm am Ende nur zwanzig Jahre zum Schaffen.














