Thomas Bernhard zum 20. Todestag
Das bewegte und bewegende Leben des Schriftstellers im Rückblick, der dieser Tage 78 Jahre alt geworden wäre.

Foto © ORF/art.genossenThomas Bernhard (1931 - 1989)
"Wir sind Österreicher, wir sind apathisch; wir sind
das Leben als das gemeine Desinteresse am Leben, wir sind in dem
Prozeß der Natur der Größenwahn-Sinn als Zukunft." Über vier
Jahrzehnte nach der Verleihung des Kleinen Österreichischen
Staatspreises ist dieses Ereignis aufgrund des Eklats, den seine
Dankesrede ausgelöst hatte, noch immer Legende. Am 12. Februar jährt
sich der Tod des Dichters zum 20. Mal, und nicht nur das kürzlich aus
dem Nachlass veröffentlichte Buch "Meine Preise" sorgt dafür, dass
der Unbequeme ein Unvergessener bleibt. Seine Stücke werden weiterhin
viel gespielt, es gibt Gedenkveranstaltungen sonder Zahl.
Schwierige Kindheit. Thomas Bernhard wurde am 9. Februar 1931 in einem Heim für ledige
Mütter im holländischen Heerlen geboren - was laut Bernhard Minister
Piffl-Percevic bei der Staatspreis-Verleihung zur fälschlichen
Behauptung gebracht hatte, er sei "ein in Holland geborener
Ausländer". Dabei war seine Mutter Herta Bernhard extra vorübergehend
nach Holland übersiedelt, um dem Gerede der Leute zu entkommen, aber
auch der besseren Arbeitsmöglichkeiten wegen. Bereits nach wenigen
Monaten kam der Bub zu den Großeltern in Wien in Pflege. Im Frühjahr
1935 übersiedelte er mit ihnen nach Seekirchen am Wallersee. Seinen
Vater, der 1940 starb, lernte er nie kennen.
Prägende Krankheit. Die traumatische Kindheit findet später in seinen fünf
autobiografischen Büchern ("Die Ursache. Eine Andeutung", "Der
Keller. Eine Entziehung", "Der Atem. Eine Entscheidung", "Die Kälte.
Eine Entziehung", "Ein Kind") ihren Niederschlag. 1948 begann die
Krankengeschichte Thomas Bernhards mit einer Erkältung. Er wurde mit
Lungenentzündung in das gleiche Spital eingeliefert, in dem auch sein
geliebter Großvater, der Dichter Johannes Freumbichler, lag und
später starb. Für den Enkel begannen langwierige Aufenthalte in
Krankenhäusern und Lungenheilstätten, eine Lungentuberkulose kam
hinzu. Später war es eine Immunerkrankung, die in Bernhards letztem
Lebensjahrzehnt eine starke Medikamentation notwendig machte.
Künstlerische Anfänge. 1957 schloss er ein Regiestudium am Mozarteum erfolgreich ab und
verbrachte in den Folgejahren im Kreise anderer junger Künstler viel
Zeit am Kärntner "Tonhof" des Ehepaars Lampersberg. Sein erster
publizierter Roman, "Frost", brachte 1963 den Umschwung. Er wurde von
dem renommierten deutschen Insel Verlag angenommen und ein
durchschlagender Erfolg. Dies ermöglichte ihm den Kauf des
Vierkanthofes in Ohlsdorf, in dem der aus ärmlichen Verhältnissen
Stammende nach eigenem Geschmack eine herrschaftliche Existenz
simulierte.
Umstritten und bewundert. Sein zweiter Roman "Verstörung" und der Eklat bei der
Staatspreisverleihung 1968 festigten nachhaltig Thomas Bernhards Ruf.
1970 begann mit der Uraufführung seines ersten Stückes "Ein Fest für
Boris" in Hamburg die kontinuierliche Theaterarbeit Bernhards, die 18
abendfüllende Stücke und einige Dramolette hervorbrachte, sowie seine
lebenslange Zusammenarbeit mit dem Regisseur Claus Peymann. Sein Sinn
für das Theatralische ließ den studierten Regisseur Bernhard 1972
nicht nur den Salzburger "Notlichtskandal" entfachen, sondern auch
zwei Jahre später mit Unterrichtsminister Fred Sinowatz über die
Burgtheaterdirektion verhandeln.
Produktive Phase. Die 70er und die erste Hälfte der 80er Jahre waren ungemein
produktive Schaffensjahre, in denen ein gewaltiges Werk entstand, das
in den Romanen "Alte Meister" und "Auslöschung" sowie in den Dramen
"Der Theatermacher" und "Heldenplatz" gipfelte. Nach dem Tod seines
"Lebensmenschen" Hedwig Stavianicek 1984 kämpfte Thomas Bernhard
zunehmend mit schweren gesundheitlichen Problemen.
Boykott. 1984 war auch das Jahr der Aufregungen um seinen Roman
"Holzfällen. Eine Erregung", in dem sich das Ehepaar Lampersberg
wiedererkannte. Lampersberg ging gerichtlich gegen die Verbreitung
des Buches vor, das daraufhin konfisziert wurde. Vier Jahre später
gingen im Zuge der "Heldenplatz"-Premiere am Burgtheater erneut die
Wogen hoch. Die Uraufführung des Stückes am 4. November 1988 wurde zu
einem Triumph für Bernhard und Peymann.
Sein Tod. Thomas Bernhard starb am Morgen des 12. Februar 1989 in Gmunden
und wurde vier Tage später im engsten Familienkreis am Grinzinger
Friedhof beigesetzt. Erst danach wurde die Öffentlichkeit informiert.
In seinem Testament verbat er sich jede Vereinnahmung durch den
österreichischen Staat und untersagte Aufführung und Publikation
seines Werkes in Österreich. Beides wird heute weitgehend ignoriert.
Heute, zwei Jahrzehnte danach, gilt er als einer der größten Autoren,
die dieses Land hervorgebracht hat.















