Der Hausherr in Manhattan
Andreas Stadler hat sein erstes Jahr als Leiter des Austrian Cultural Forum in New York hinter sich. Ein Gespräch über Risken, Kunst und 11/4.

Foto © APAAndreas Stadler ist seit Herbst 2007 der Leiter des ACF in Manhattan/New York.
Herr Doktor Stadler, Sie leiten seit etwas mehr als einem Jahr das Austrian Cultural Forum in New York. Was haben Sie in dieser Zeit dazugelernt?
ANDREAS STADLER: Dass mehr möglich ist, als man glaubt.
Zum Beispiel?
STADLER: Meine erste große Ausstellung, die sich mit dem Thema Todesstrafe befasste und für die wir 25 österreichische und internationale Künstler eingeladen hatten. Alle hatten mir davon abgeraten und einen Misserfolg prophezeit. Tatsächlich widmete die New York Times der Schau eine halbe Seite und sie kam zudem in die Listings aller wichtigen Terminkalender in den New Yorker Medien.
Bei mehreren Besuchen im Haus gewannen wir den Eindruck, das Publikum bestehe hauptsächlich aus Exil-Österreichern. Kommen die New Yorker auch vorbei?
STADLER: Erstens sind mir die Exil-Österreicher beziehungsweise deren Nachkommen sehr wichtig, ich suche den Kontakt sogar. Zweitens besteht unsere hiesige Zielgruppe aus Kuratoren, Künstlern und Multiplikatoren, und die kommen sehr wohl.
Wird das ACF von der amerikanischen Presse in der Regel wahrgenommen?
STADLER: Bis jetzt sind alle Ausstellungen, aber auch ein paar andere Veranstaltungen in den großen Blättern rezensiert worden. Aber wir sind auch in ganz lokalen, zum Beispiel in spanischsprachigen Zeitungen sehr präsent und auch in vielen Blogs. Zudem sind wir seit heuer regelmäßig im Listing von Time Out, dem wichtigsten Veranstaltungsführer. Ich würde behaupten, dass wir von allen ausländischen Kulturinstituten hier die stärkste Medienpräsenz haben.
Welche österreichischen Künstler jenseits der Wiener Aktionisten haben in den USA überhaupt einen gewissen Bekanntheitsgrad?
STADLER: Elfriede Jelinek, Erwin Wurm, Ulrich Seidl, Michael Haneke, Friedrich Cerha, Georg Friedrich Haas, Bernhard Lang, Daniel Kehlmann . . .
Soviel zu den Erfolgen. Wo liegen denn Ihrer Meinung nach die Probleme österreichischer Kunstvermittlung in den USA?
STADLER: Erstens wird das Thema "Vermittlung" in Österreich noch zu wenig ernst genommen, da kann man von Amerika viel lernen . . .
. . . sagt die neue Direktorin des Kunsthistorischen übrigens auch.
STADLER: In den USA haben Opernhäuser, Museen et cetera, extrem gut ausgearbeitete Vermittlungsprogramme, vor allem auch für den Nachwuchs. Schlechter sieht es hier allerdings in den Schulen aus, da können wir Österreicher froh sein, Musik- und Kunstunterricht als elementare Bestandteile der schulischen Ausbildung zu haben. Ich hoffe übrigens, dass hier geplante Kürzungen zurückgenommen werden. Was das Kulturforum betrifft, würde ich mir wünschen, dass die diversen Ministerien - also beispielsweise auch das Wirtschaftsressort, aber auch andere Institutionen - unsere Möglichkeiten stärker nutzen würden.
In zwei Wochen wird Barack Obama zum neuen Präsidenten der USA ernannt. Wie erleben Sie bisher den viel beschworenen Change?
STADLER: Atmosphärisch ist ein starker Wandel spürbar: Weg vom puren Neoliberalismus, weg vom Neokonservatismus, weg von der Vergötzung des Privatisierens hin zu einem verantwortungsbewussten, demokratischen Gemeinschaftsgefühl und zu einer neuen Rechtsstaatlichkeit in den internationalen Beziehungen. Ich denke, nach der Datums-Ikone 9/11 wird es bald eine 11/4 geben, die an den Tag erinnert, an dem Barack Obama diese Wahl gewonnen hat. Natürlich hat er nicht nur Anhänger, aber viele Leute hier haben es einfach satt, auf der ganzen Welt als die Bösen zu gelten.
Features
Zur Persom
Andreas Stadler, geboren am 6. Mai 1965 in Mürzzuschlag.
Studium der Politikwissenschaften, Soziologie, Völkerrecht etc.
Vize-Botschafter in Zagreb.
Leiter des österreichischen Kulturinstitutes in Warschau von 1999 bis 2004.
Berater des Bundespräsidenten für Kunst, Wissenschaft und Kultur ab 2004.
Seit Herbst 2007 Leiter des ACF in Manhattan/New York.














