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Zuletzt aktualisiert: 01.01.2009 um 17:23 UhrKommentare

Neujahrskonzert 2009 - Daniel Barenboims sanfte Revolution

Daniel Barenboim warf beim Neujahrskonzert 2009 Hörgewohnheiten über den Haufen. Im musikalischen Mittelpunkt stand heuer Ungarn und Haydn.

Barenboim arbeitet seit seit 1989 regelmäßig mit den Wiener Philharmonikern zusammen.

Foto © APABarenboim arbeitet seit seit 1989 regelmäßig mit den Wiener Philharmonikern zusammen.

Es war eine sanfte Revolution des Neujahrskonzerts, geprägt von humanistischen Klängen. Bis zum letzten Ton spannungsgeladen aber weder polternd noch trippelnd brachte Daniel Barenboim am Neujahrstag auch nachdenkliche Töne in den Großen Saal des Wiener Musikvereins. Da kam ihm das begonnene Haydn-Jahr gerade recht, neben dem Jubilar selbst wurden auch Hommagen an das mit diesem verbundene Nachbarland Ungarn geboten. Der Dank für so viel Verbindendes kam in Form von stehenden Ovationen.

Abneigung gegen Märsche. Der Pazifist Barenboim mag keine Märsche - zumindest nicht im üblichen Sinn. Das passt nicht zu seinem "West-Eastern-Divan-Orchestra", in dem sich Israelis und Palästinenser friedlich die Notenpulte teilen. Und darum ein revolutionärer Akt etwa beim Radetzkymarsch. Die traditionelle Zugabe wurde zur Hoffnungshymne, zur friedlichen Beschwörung des Miteinanders. Barenboim ließ es sich nicht nehmen, beim Dirigieren des Publikums mit diesem seine Späße zu treiben: Einmal mit ernster Miene zum Stillsein ermahnend, später dessen musikalische Leistung ausgiebig lobend. Doch zuerst hatte ein teils dunkler Grundton dominiert - so weit dies zumindest bei der gebotenen Musik der Dynastie Strauß und jener Josef Hellmesbergers möglich war.

Überschattet von Wirtschaftskrise und Nahostkonflikt. Freilich: In Zeiten von Wirtschaftskrise und wieder aufflammenden Nahostkonflikt ist es schwer, das neue Jahr unbekümmert mit Walzerseligkeit einzuläuten. Und so schlich sich die Ouvertüre zur Komischen Oper "Eine Nacht in Venedig" als zuerst dunkles Gespenst in die Gemüter des bunt aufgeputzten Konzertpublikums. Romantisch und über weite Strecken wagneresk sollte es auch weitergehen. Mystische Töne boten sich beim Walzer "Märchen aus dem Orient" an. Das Neujahrskonzert als für viele "exotischer" Ausflug? Barenboim macht es möglich. Was die Philharmoniker diesmal selbst möglich machten, war die Besetzung von zwei wichtigen Orchester-Positionen mit Frauen.

Wehmütige Nachdenklichkeit. Eine weitere Großtat des Dirigenten sollte bei der Annen-Polka folgen, aber auch bei Schlagern wie "Rosen aus dem Süden" und "Schatz-Walzer", allesamt aus der Feder von Strauß Sohn. Wehmütige Nachdenklichkeit stellte sich gegen jedes noch so leichtfüßige Pizzicato. Die Schnellpost-Polka und die Polka "Freikugeln" wurden von Barenboim ständig im Zaum gehalten und standen doch immer kurz vor der Explosion. "Unter Donner und Blitz" könnte sich außerdem schnell zur Referenzaufnahme mausern.

Haydn zum ersten Mal gespielt. Auch so viel Ungarn war noch nie im Musikverein. Die Ouvertüre und der Einzugsmarsch aus dem Zigeunerbaron sowie die Polka schnell "Eljen a Magyar" (Lang lebe der Ungar) waren aber allesamt eine Überleitung zum Jahresregenten Haydn, dessen Musik erstmals beim Neujahrskonzert gespielt wurde und die auch für die traditionelle Spaß-Einlage sorgte: Beim vierten Satz der "Abschiedssymphonie" zogen die Musiker nach und nach von der Bühne ab und hinterließen einen verdatterten Barenboim, der letztendlich nur mehr zwei Streicher dirigierte - und zum Schluss gar niemanden mehr. Die letzten Verbliebenen wurden zumindest mit einer rührenden Hätschelei belohnt.

Balletteinlage mit Haydn-Schwerpunkt. Auch die Balletteinlagen, choreographiert von Vladimir Malakhov, standen im Zeichen Haydns: Brian Large, in dessen Händen wieder die Regie des Konzertereignisses im ORF lag, drehte diesmal auf Schloss Esterhazy in Eisenstadt. Der zweite kulturelle Jahresschwerpunkt, die Europäische Kulturhauptstadt Linz, stand im Zentrum des Pausenfilms von Felix Breisach. Einen weiteren Schwerpunkt setzte am Schluss Barenboim persönlich. Vor dem traditionellen "Prosit Neujahr", das wie immer den Donauwalzer einläutete, wünschte dieser Frieden in der Welt und Gerechtigkeit im Nahen Osten.


Hintergrundinformation

Vor 50 Jahren wurde das Neujahrskonzert erstmals im ORF-Fernsehen gezeigt, erst vor wenigen Wochen einigten sich die Philharmoniker und ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz auf die weitere Zusammenarbeit bis 2012. Ab dem 7. Jänner ist die CD zum Konzert erhältlich.

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