Neujahrskonzert 2009 - Daniel Barenboims sanfte Revolution
Daniel Barenboim warf beim Neujahrskonzert 2009 Hörgewohnheiten über den Haufen. Im musikalischen Mittelpunkt stand heuer Ungarn und Haydn.

Foto © APABarenboim arbeitet seit seit 1989 regelmäßig mit den Wiener Philharmonikern zusammen.
Es war eine sanfte Revolution des Neujahrskonzerts,
geprägt von humanistischen Klängen. Bis zum letzten Ton
spannungsgeladen aber weder polternd noch trippelnd brachte Daniel
Barenboim am Neujahrstag auch nachdenkliche Töne in den Großen Saal
des Wiener Musikvereins. Da kam ihm das begonnene Haydn-Jahr gerade
recht, neben dem Jubilar selbst wurden auch Hommagen an das mit
diesem verbundene Nachbarland Ungarn geboten. Der Dank für so viel
Verbindendes kam in Form von stehenden Ovationen.
Abneigung gegen Märsche. Der Pazifist Barenboim mag keine Märsche - zumindest nicht im
üblichen Sinn. Das passt nicht zu seinem
"West-Eastern-Divan-Orchestra", in dem sich Israelis und
Palästinenser friedlich die Notenpulte teilen. Und darum ein
revolutionärer Akt etwa beim Radetzkymarsch. Die traditionelle Zugabe
wurde zur Hoffnungshymne, zur friedlichen Beschwörung des
Miteinanders. Barenboim ließ es sich nicht nehmen, beim Dirigieren
des Publikums mit diesem seine Späße zu treiben: Einmal mit ernster
Miene zum Stillsein ermahnend, später dessen musikalische Leistung
ausgiebig lobend. Doch zuerst hatte ein teils dunkler Grundton
dominiert - so weit dies zumindest bei der gebotenen Musik der
Dynastie Strauß und jener Josef Hellmesbergers möglich war.
Überschattet von Wirtschaftskrise und Nahostkonflikt. Freilich: In Zeiten von Wirtschaftskrise und wieder aufflammenden
Nahostkonflikt ist es schwer, das neue Jahr unbekümmert mit
Walzerseligkeit einzuläuten. Und so schlich sich die Ouvertüre zur
Komischen Oper "Eine Nacht in Venedig" als zuerst dunkles Gespenst in
die Gemüter des bunt aufgeputzten Konzertpublikums. Romantisch und
über weite Strecken wagneresk sollte es auch weitergehen. Mystische
Töne boten sich beim Walzer "Märchen aus dem Orient" an. Das
Neujahrskonzert als für viele "exotischer" Ausflug? Barenboim macht
es möglich. Was die Philharmoniker diesmal selbst möglich machten,
war die Besetzung von zwei wichtigen Orchester-Positionen mit Frauen.
Wehmütige Nachdenklichkeit. Eine weitere Großtat des Dirigenten sollte bei der Annen-Polka
folgen, aber auch bei Schlagern wie "Rosen aus dem Süden" und
"Schatz-Walzer", allesamt aus der Feder von Strauß Sohn. Wehmütige
Nachdenklichkeit stellte sich gegen jedes noch so leichtfüßige
Pizzicato. Die Schnellpost-Polka und die Polka "Freikugeln" wurden
von Barenboim ständig im Zaum gehalten und standen doch immer kurz
vor der Explosion. "Unter Donner und Blitz" könnte sich außerdem
schnell zur Referenzaufnahme mausern.
Haydn zum ersten Mal gespielt. Auch so viel Ungarn war noch nie im Musikverein. Die Ouvertüre und
der Einzugsmarsch aus dem Zigeunerbaron sowie die Polka schnell
"Eljen a Magyar" (Lang lebe der Ungar) waren aber allesamt eine
Überleitung zum Jahresregenten Haydn, dessen Musik erstmals beim
Neujahrskonzert gespielt wurde und die auch für die traditionelle
Spaß-Einlage sorgte: Beim vierten Satz der "Abschiedssymphonie" zogen
die Musiker nach und nach von der Bühne ab und hinterließen einen
verdatterten Barenboim, der letztendlich nur mehr zwei Streicher
dirigierte - und zum Schluss gar niemanden mehr. Die letzten
Verbliebenen wurden zumindest mit einer rührenden Hätschelei belohnt.
Balletteinlage mit Haydn-Schwerpunkt. Auch die Balletteinlagen, choreographiert von Vladimir Malakhov,
standen im Zeichen Haydns: Brian Large, in dessen Händen wieder die
Regie des Konzertereignisses im ORF lag, drehte diesmal auf Schloss
Esterhazy in Eisenstadt. Der zweite kulturelle Jahresschwerpunkt, die
Europäische Kulturhauptstadt Linz, stand im Zentrum des Pausenfilms
von Felix Breisach. Einen weiteren Schwerpunkt setzte am Schluss
Barenboim persönlich. Vor dem traditionellen "Prosit Neujahr", das
wie immer den Donauwalzer einläutete, wünschte dieser Frieden in der
Welt und Gerechtigkeit im Nahen Osten.
Features
Hintergrundinformation
Vor 50 Jahren wurde das Neujahrskonzert erstmals im ORF-Fernsehen gezeigt, erst vor wenigen Wochen einigten sich die Philharmoniker und ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz auf die weitere Zusammenarbeit bis 2012. Ab dem 7. Jänner ist die CD zum Konzert erhältlich.















