Arabien sucht den Superdichter
Eine TV-Show wird zum Quotenrenner: Ein Lyrik-Wettbewerb im Fernsehen, der bis zu 17 Millionen Zuseher vor die Bildschirme lockt.
Hierzulande würde ein
TV-Unterhaltungschef, der zur besten Sendezeit einen Lyrik-Wettbewerb
ins Programm nehmen will, wahrscheinlich für verrückt erklärt. Auf
der arabischen Halbinsel, wo es vor 100 Jahren noch nicht allzu viele
Menschen gab, die überhaupt lesen und schreiben konnten, schalten
dagegen bis zu 17 Millionen Menschen ein, um die Live-Show "Dichter
für Millionen" ("Shair al-Million") von Abu Dhabi TV zu sehen. Die
Show, in der es weder Tänzerinnen noch lustige Einspielfilme gibt,
ist zur Zeit der absolute Quotenrenner am Golf. Die dritte Staffel
hat an diesem Donnerstag begonnen. Ein Ende ist nicht abzusehen.
Nachwuchsdichter. Doch anders als die Nachwuchssänger, die mehr oder weniger
stimmgewaltig Hits anderer Künstler vortragen, deklamieren die
arabischen Dichter nur ihre eigenen Verse. An diesem Abend trägt im
Al-Raha-Beach-Theater von Abu Dhabi als Erster Hakim al-Mual aus
Saudi-Arabien vor. In höflichen Worten loben die Lyrik-Experten der
Jury die von ihm gewählten Metaphern. Hier ätzt kein Dieter Bohlen.
Hier geht es arabisch-höflich zu. "Ich habe nur eine kleine
Anmerkung, wenn Du erlaubst.", sagt eines der Jury-Mitglieder. "Ja
bitte, Gott möge Dein Leben verlängern", antwortet der Dichter, der
auf der Bühne in einem rot-goldenen Sessel sitzt. Dann ist eine Frau
an der Reihe. Hanin al-Samarna aus Jordanien trägt ihr Gedicht über
Stolz und Ehre mit lauter Stimme vor. Sie trägt ein schwarz-grünes
Gewand, ist stark geschminkt und hat über ihr schwarzes Kopftuch das
weiß-rot-gescheckte Tuch der arabischen Beduinen geschlungen.
Werbepause. Es folgt eine Werbepause, in der preiswerte Handy-Tarife und ein
Kamel-Festival angepriesen werden. Dann blicken die Männer und
Frauen, die im Theatersaal getrennt sitzen, wieder auf die Bühne, wo
an diesem Abend noch sechs weitere Lyriker ihre Werke präsentieren.
Zu ihnen gehört ein Jemenit, der gemäß der Tradition seiner Heimat,
einen Krummdolch im Gürtel trägt. Auch das Saalpublikum darf per
Abstimmungsknopf seine Meinung zu den Gedichten kundtun. Doch gemäß
orientalischen Gepflogenheiten kommt auch von ihnen keine brutale
Kritik. Das Publikum hat nur die Wahl zwischen den Kategorien
"hervorragend", "gut" und "mittelmäßig". Das negativste Adjektiv, mit
dem ein Gedicht an diesem Abend von der Jury bedacht wird, ist
"schwach".
"Gott sei Dank". Wer es in die nächste Runde schafft, der lächelt und sagt "Al-
Hamdulillah" ("Gott sei Dank"). Niemand kreischt vor Freude. Keiner
der Nachwuchs-Dichterfürsten fällt der Moderatorin, die ein Krönchen
und einen transparenten Haarschleier zum lilafarbenen Abendkleid
trägt, um den Hals.
Handy-Abstimmung. Was "Dichter für Millionen" so erfolgreich macht, ist nicht die
Bloßstellung untalentierter Künstler. Es ist auch nicht nur der
spannende Auswahl-Prozess, an dem sich per Handy die Fernsehzuschauer
in den arabischen Staaten beteiligen können. Die Sendung ist ein
Zeichen für die Emanzipation der Golf-Araber. Denn die traditionelle
Nabati-Poesie der Beduinen und die Musik der Wüstenbewohner war für
viele Intellektuelle in Kairo, Damaskus, Beirut oder Bagdad lange
Zeit drittklassig. Vielerorts sah man herab auf die "ungebildeten
Beduinen", die altmodische Kopfbedeckungen trugen, einen schroff
klingenden Dialekt sprachen und ihre Traditionen früher oft nur
mündlich weitergaben.
Öl-Geschäft. Das hat sich geändert, jetzt wo die Golf-Araber nicht nur Geld aus
dem Öl-Geschäft haben, sondern auch Universitäten, Museen und
Theater. "Die Nabati-Dichtung ist Ausdruck der natürlichen
Kreativität der Bewohner der Golfregion und zeigt, wie sie mit dem
Land verwurzelt sind", erklärt der Herrscher von Dubai, Scheich
Mohammed bin Raschid al-Maktum, auf seiner Website. Und wenn die
Fußballmannschaft, die er unterstützt, den Pokal gewinnt, dann
verfasst der Herrscher auch schon mal selbst ein Heldengedicht.
Features
Fakten
Die "Dichter-für-Millionen-Show" funktioniert im Prinzip so
ähnlich wie "Deutschland sucht den Superstar" und andere Formate, bei
denen sich hoffnungsvolle Nach-















