Aktionismus als Erbe der Weltkultur
Am Dienstag eröffnete im Österreichischen Kulturforum New York "The Artist As Troublemaker". Nur Günter Brus löste die Erwartung ein, sonst ist die Schau subtil und wenig unruhig geraten.

Foto © APDas Austrian Cultural Forum in Manhattan
Vorweihnachtszeit in New York. Drüben in Brooklyn sind die Lokale voller junger Menschen, die Pastrami-Bagels, ökologisches Gemüse, Tofu und Burgers schmausen. Und die sich Manhattan nicht mehr leisten können oder wollen. Denn hier, wo für den Europäer das "echte" New York liegt, sind sieben Jahre nach 9/11 die Preise himmelhoch und die Mieten unerschwinglich.
Schönes Megadorf.
Aber schön ist es schon in diesem teuren Megadorf. Im Central Park spielen diverse Amateure zum 28. Todestag John Lennons auf. Ein paar Hundert sind gekommen und trotzen der Kälte. Wenn Yoko Ono drüben im Dakota Building das Fenster offen hielte, könnte sie mithören. Beim Rockefeller-Centre vergnügen sich die Eisläufer. Und am Abend ist ein Teil der Park Avenue gesperrt, das Publikum singt Weihnachtslieder: Die Christbäume werden offiziell erleuchtet. Vor der Brick-Church ruft der alte Pfarrer, er sei "stolz, wieder einmal sagen zu dürfen: Es werde Licht!" - Kuscheln in New York.
Kleiner Stachel.
Seit Dienstagabend gibt es einen kleinen Stachel in der Weihnachts-Watte: "The Artist As Troublemaker" ("Der Künstler als Störenfried") lautet der Titel einer Ausstellung im Austrian Cultural Forum in Manhattan, die Peter Pakesch, Intendant des steirischen Landesmuseums Joanneum, gestaltet hat. Eröffnet hat sie der Grazer Kulturstadtrat Wolfgang Riedler, der als offizieller Vertreter der Steiermark entsandt worden war. "Ohne Störung gibt es keine Kunst", sagte Riedler und verwies auf den Umstand, dass beispielsweise der damals kriminalisierte Günter Brus mittlerweile Staatspreisträger ist.
Zerreißprobe.
Im Souterrain sind Titel und Darbietung der Schau noch in klarem Einklang. Auf 35 Foto-Tableaus sind die grandiosen (Un-)Taten von Brus dokumentiert: Die Ana-Aktionen, die Zerreißprobe, der legendäre Wiener Spaziergang. "Der Wiener Aktionismus ist nach dem 2. Weltkrieg das einzige Weltkulturerbe Österreichs", sagt der 43-jährige Steirer Andreas Stadler, seit Herbst 2007 Direktor des Kulturforums, "die Amerikaner staunen, dass bei uns Bildende Künstler den persönlichen Freiraum so erweitert haben. In den USA waren es eher Musiker, von Elvis Presley über die Doors bis Marilyn Manson."
Keine Provokationsbeispiele.
Aber Kurator Pakesch verweigert ansonsten spektakuläre Provokationsbeispiele. Seine "Troublemakers" operieren auf subtile Art: Etwa Martin Kippenberger, der mangels Akzeptanz in offiziellen Institutionen Orte wie das Café Altwien zum Museum umfunktionierte. Oder Olafur Eliasson, dessen kristallines Raummodell für die Mineralogie des Joanneums laut Pakesch den Widerwillen des Fachpersonals hervorgerufen habe. "Der Künstler wird in der wohl geordneten Welt der Institutionen als Störenfried empfunden", sagt Pakesch. Bleibt die Frage, ob das auch allgemeine Relevanz hat oder ob das interne Phantomschmerzen sind. Ob nicht die Störung der öffentlichen Meinung spannender ist.
Bibliotheksobjekt von Clegg & Guttmann.
Schön, aber ebenfalls keineswegs provokant ist das Bibliotheksobjekt des irisch-israelischen Duos Clegg & Guttmann, seinerzeit für das Wiener Sigmund-Freud-Museum kreiert. Und auch Dorit Margreiters Fotos aus dem amerikanischen Slum-Museum sind nur indirekt mit dem Titel in Verbindung. Weiters gibt es sehenswerte Arbeiten von Elfie Semotan, Sofie Thorson und Diana Thater.
Deutlichere Tabubrüche gewünscht.
Dennoch mag es einem leid tun, dass Pakesch prägnante Beispiele wie Hans Haackes in Graz abgefackelten Nazi-Triumph "Und ihr habt doch gesiegt" oder die umstrittenen "Gänse vom Feliferhof" von Gerz & Gerz oder irgend etwas von Christoph Schlingensief nicht für ausstellungswürdig erachtet hat. Entsprechend dem engen Raum des nur 7,5 Meter breiten und 84 Meter hohen Baus mit 24 Stockwerken, vom Osttiroler Architekten Raimund Abraham geplant und 2002 eröffnet, sind viele Objekte als Reproduktionen oder Fotos vertreten. ACF-Chef Andreas Stadler hätte sich ganz offenbar ein wenig deutlichere Tabubrüche gewünscht: "Ich bin nicht in allem der Meinung von Peter Pakesch, aber er ist der Kurator", seufzt er demütig. - Das ist nun einmal das Wesen der Kunst. Auch der provokanten.
Features
ACF NEW YORK
Austrian Cultural Forum New York, gegründet 1942 von österreichischen Emigranten. Seit 2002 im von Raimund Abraham geplanten, 84 Meter hohen Gebäude in Manhattan. The Artist As Troublemaker, zu sehen bis 3. April 2009. www.acfny.org















