Jelinek beleuchtet Nazi-Massaker
Am Freitag wird Elfriede Jelineks Stück "Rechnitz (Der Würgeengel)" in München uraufgeführt.

Foto © APAFünf Boten berichten über die Gräueltaten der Nazi-Gesellschaft
Am Freitag (28. November) kommt ein neues Stück
von Elfriede Jelinek zur Uraufführung: Jossi Wieler inszeniert an den
Münchner Kammerspielen "Rechnitz (Der Würgeengel)". In dem Text
verarbeitet die österreichische Literaturnobelpreisträgerin das bis
heute nicht restlos geklärte Massaker von März 1945 im
burgenländischen Rechnitz, wo auf dem Anwesen von Margit Batthyány
(geb. Thyssen-Bornemisza) rund 200 jüdische Zwangsarbeiter aus Ungarn
von SS-Männern und Gästen der Schlossherrin umgebracht wurden.
Geschichte.
Jelinek, die wie stets in den vergangenen Jahren einen
durchgehenden Text geschrieben hat, deren Aufteilung sie der
jeweiligen Produktion überlässt, zeigt in dem Stück nicht das
unmittelbare Geschehen, sondern lässt auf einem "Schloß in
Österreich" zeitgemäß (etwa als Fahrradkuriere) gekleidete Boten und
Botinnen das Geschehen Revue passieren und bewerten, doch "jeder Bote
erzählt etwas anderes", wie es einmal heißt. "Boten färben ihren
Bericht oft ein", sagte der Regisseur der Deutschen-Presseagentur dpa
über das Stück, "Es geht mehr um das allgemeine Berichten von
Geschichte. Wie wird über Vergangenes heute berichtet, was verformt
sich, was verfärbt sich, was wird verschwiegen?" Insofern stehe
"Rechnitz" "exemplarisch für den Umgang mit der Geschichte des
Dritten Reichs über, vor allem auch in Österreich." Wieler: "Jelinek
hat Gräben geöffnet und legt Schichten frei."
Bezüge.
Greift Jelinek mit den Figuren der Boten auf die Tragödie der
griechischen Antike und dabei insbesondere auf "Die Bakchen" des
Euripides zurück, baut sie bereits im Titel einen zweiten Bezug ein:
Luis Bunuel drehte 1962 den Film "Würgeengel", in dem sich die Gäste
eines Festes plötzlich nicht nur von den Dienstboten verlassen,
sondern auch eingeschlossen finden. Bei Jelinek sind dagegen nur noch
die Boten da, während die Gäste bereits das Weite gesucht haben.
Vorschläge zur Umsetzung.
Jelinek gibt zu Beginn ihres Textes konkrete Vorschläge zur
Umsetzung, schreibt aber auch: "Man kann das natürlich, wie immer bei
mir, auch vollkommen anders machen." Jossi Wieler hat große Erfahrung
in der Umsetzung von Jelinek-Texten: So besorgte er etwa 1994 in
Hamburg eine phänomenale Uraufführung von "Wolken.Heim.", 1998 die
Uraufführung von "er nicht als er" in Salzburg. 2001 gewann seine
Zürcher Inszenierung von "Macht nichts" den Mülheimer Theaterpreis.
Zuletzt inszenierte er im März 2007 "Ulrike Maria Stuart" in München.
Die Autorin mische sich nicht ein, sagte Wieler der dpa. Der Text zu
"Rechnitz" sei aber besonders schwer, weil er sehr vielschichtig und
schwer zugänglich sei. Zur Uraufführung werde Jelinek wohl nicht
kommen, aber eine Endprobe wolle sie sich ansehen.
"Gefolgschaftsfest"
In der Nacht zum Palmsonntag 1945 wurde auf Schloss Rechnitz
unmittelbar vor Eintreffen der Roten Armee ein "Gefolgschaftsfest"
gefeiert, in dessen Verlauf jüdische Zwangsarbeiter erschossen und
erschlagen wurden. Die Besitzer des von der SS requirierten
Schlosses, Graf und Gräfin Batthyány (von Jelinek "Die Frau Gräfin"
genannt) sollen anwesend gewesen sein. Ihnen gelang die Flucht in die
Schweiz. Margit Batthyány starb unbehelligt 1989. Die Suche nach dem
Massengrab mit den verscharrten Opfern war bis heute erfolglos.
Zuletzt hieß es, Batthyánys Nichte Francesca Habsburg wolle sich für
eine Untersuchung des damaligen Massakers und die Ausforschung des
Massengrabes einsetzen, "eine würdige Bestattung der Opfer zu
ermöglichen".
Massenmord.
Der Massenmord war Gegenstand intensiver Recherchen des britischen
Historikers David Litchfield, auch eine TV-Dokumentation von Eduard
Erne ("Totschweigen") beschäftigte sich damit. Erne berichtete darin
auch über die Mauer des Schweigens, auf die man bei Nachforschungen
vor Ort stoße. Ebenso setzte sich das 1995 erschienene Theaterstück
"März, der 24." von Peter Wagner mit dem Thema auseinander.
Features
"Rechnitz"
von Elfriede Jelinek
Regie: Jossi Wieler, Bühne und Kostüme: Anja Rabes, Musik: Wolfgang
Siuda.
Mit: Katja Bürkle, André Jung, Hans Kremer, Steven Scharf und
Hildegard Schmahl,
Uraufführung: Freitag, 28. November, 19.30 Uhr, in
den Münchner Kammerspielen. Weitere Vorstellungen: 1. und 5.12.,
Karten: 00049 / 89 / 233 966 00;













