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Zuletzt aktualisiert: 27.11.2008 um 20:19 UhrKommentare

Jelinek beleuchtet Nazi-Massaker

Am Freitag wird Elfriede Jelineks Stück "Rechnitz (Der Würgeengel)" in München uraufgeführt.

Fünf Boten berichten über die Gräueltaten der Nazi-Gesellschaft

Foto © APAFünf Boten berichten über die Gräueltaten der Nazi-Gesellschaft

Am Freitag (28. November) kommt ein neues Stück von Elfriede Jelinek zur Uraufführung: Jossi Wieler inszeniert an den Münchner Kammerspielen "Rechnitz (Der Würgeengel)". In dem Text verarbeitet die österreichische Literaturnobelpreisträgerin das bis heute nicht restlos geklärte Massaker von März 1945 im burgenländischen Rechnitz, wo auf dem Anwesen von Margit Batthyány (geb. Thyssen-Bornemisza) rund 200 jüdische Zwangsarbeiter aus Ungarn von SS-Männern und Gästen der Schlossherrin umgebracht wurden.

Geschichte. Jelinek, die wie stets in den vergangenen Jahren einen durchgehenden Text geschrieben hat, deren Aufteilung sie der jeweiligen Produktion überlässt, zeigt in dem Stück nicht das unmittelbare Geschehen, sondern lässt auf einem "Schloß in Österreich" zeitgemäß (etwa als Fahrradkuriere) gekleidete Boten und Botinnen das Geschehen Revue passieren und bewerten, doch "jeder Bote erzählt etwas anderes", wie es einmal heißt. "Boten färben ihren Bericht oft ein", sagte der Regisseur der Deutschen-Presseagentur dpa über das Stück, "Es geht mehr um das allgemeine Berichten von Geschichte. Wie wird über Vergangenes heute berichtet, was verformt sich, was verfärbt sich, was wird verschwiegen?" Insofern stehe "Rechnitz" "exemplarisch für den Umgang mit der Geschichte des Dritten Reichs über, vor allem auch in Österreich." Wieler: "Jelinek hat Gräben geöffnet und legt Schichten frei."

Bezüge. Greift Jelinek mit den Figuren der Boten auf die Tragödie der griechischen Antike und dabei insbesondere auf "Die Bakchen" des Euripides zurück, baut sie bereits im Titel einen zweiten Bezug ein: Luis Bunuel drehte 1962 den Film "Würgeengel", in dem sich die Gäste eines Festes plötzlich nicht nur von den Dienstboten verlassen, sondern auch eingeschlossen finden. Bei Jelinek sind dagegen nur noch die Boten da, während die Gäste bereits das Weite gesucht haben.

Vorschläge zur Umsetzung. Jelinek gibt zu Beginn ihres Textes konkrete Vorschläge zur Umsetzung, schreibt aber auch: "Man kann das natürlich, wie immer bei mir, auch vollkommen anders machen." Jossi Wieler hat große Erfahrung in der Umsetzung von Jelinek-Texten: So besorgte er etwa 1994 in Hamburg eine phänomenale Uraufführung von "Wolken.Heim.", 1998 die Uraufführung von "er nicht als er" in Salzburg. 2001 gewann seine Zürcher Inszenierung von "Macht nichts" den Mülheimer Theaterpreis. Zuletzt inszenierte er im März 2007 "Ulrike Maria Stuart" in München. Die Autorin mische sich nicht ein, sagte Wieler der dpa. Der Text zu "Rechnitz" sei aber besonders schwer, weil er sehr vielschichtig und schwer zugänglich sei. Zur Uraufführung werde Jelinek wohl nicht kommen, aber eine Endprobe wolle sie sich ansehen.

"Gefolgschaftsfest" In der Nacht zum Palmsonntag 1945 wurde auf Schloss Rechnitz unmittelbar vor Eintreffen der Roten Armee ein "Gefolgschaftsfest" gefeiert, in dessen Verlauf jüdische Zwangsarbeiter erschossen und erschlagen wurden. Die Besitzer des von der SS requirierten Schlosses, Graf und Gräfin Batthyány (von Jelinek "Die Frau Gräfin" genannt) sollen anwesend gewesen sein. Ihnen gelang die Flucht in die Schweiz. Margit Batthyány starb unbehelligt 1989. Die Suche nach dem Massengrab mit den verscharrten Opfern war bis heute erfolglos. Zuletzt hieß es, Batthyánys Nichte Francesca Habsburg wolle sich für eine Untersuchung des damaligen Massakers und die Ausforschung des Massengrabes einsetzen, "eine würdige Bestattung der Opfer zu ermöglichen".

Massenmord. Der Massenmord war Gegenstand intensiver Recherchen des britischen Historikers David Litchfield, auch eine TV-Dokumentation von Eduard Erne ("Totschweigen") beschäftigte sich damit. Erne berichtete darin auch über die Mauer des Schweigens, auf die man bei Nachforschungen vor Ort stoße. Ebenso setzte sich das 1995 erschienene Theaterstück "März, der 24." von Peter Wagner mit dem Thema auseinander.


"Rechnitz"

von Elfriede Jelinek
Regie: Jossi Wieler, Bühne und Kostüme: Anja Rabes, Musik: Wolfgang Siuda.
Mit: Katja Bürkle, André Jung, Hans Kremer, Steven Scharf und Hildegard Schmahl,
Uraufführung: Freitag, 28. November, 19.30 Uhr, in den Münchner Kammerspielen. Weitere Vorstellungen: 1. und 5.12., Karten: 00049 / 89 / 233 966 00;

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