Antisemitische Töne in der heutigen Gesellschaft?
Wie sehen Sie als hochrangiger Kirchenvertreter das umstrittene Schweigen von Papst Pius XII. zum Holocaust?
Olaf Colerus-Geldern: Ich bin da natürlich nicht objektiv, weil Pius XII der einzige Papst war, den ich persönlich einige Male getroffen habe. Ich war von seiner Persönlichkeit sehr beeindruckt. Er war sicher ein Antikommunist und hat am Anfang in Deutschland ein zähmbares Instrument gegen das Stalin-Regime gesehen. Nachdem die Nazi-Gräuel gegen die jüdischen Bürger bekannt geworden sind, aber auch die Unterdrückung der Kirche spürbar wurde, hat er sich zunächst einmal für das Überleben der Kirche und ihrer Menschen verantwortlich gefühlt und glaubte, nicht provozieren zu sollen. Welche Folgen das haben konnte, weiß man aus den Niederlanden. Dort haben die Bischöfe einen öffentlichen Protest gegen die Deportationen von Juden vorbereitet. Nach Warnungen Seyss-Inquarts, der ja Statthalter war, hat die evangelische Kirchenleitung eingelenkt. Die katholischen Bischöfe haben veröffentlicht, mit der Konsequenz, dass die Katholiken jüdischer Abstammung, die bis dahin verschont waren, auf die Deportationsliste gekommen sind, darunter auch die Karmelitin Edith Stein. Es verdrießt mich, wenn Leute, die nicht wissen, was es heißt in einer Diktatur zu leben, Heldentum erwarten und sittlich einfordern, was sie selber nie unter Beweis stellen mussten.
Kennen Sie antisemitische Töne auch aus der heutigen Gesellschaft?
Olaf Colerus-Geldern: Da würde ich sagen Ja. Öffentlich wird so leicht keiner mehr was sagen, intern wird es wohl anders aussehen.
Hätten Sie Martin Graf, der sich zu einer Burschenschaft bekennt, die bekannte Holocaust-Leugner hofiert, zum 3. Nationalratspräsidenten gewählt?
Olaf Colerus-Geldern: Das ist ein unlösbares Dilemma. Ich weiß, dass es tapferer klingen würde, wenn man sagt, man wäre dagegen. Ich frage mich nur, was erreiche ich damit? Mir geht es um Bewusstseinsveränderungen. Ich bin halt ein Mensch, der – wenn?s hilft – auch mit des Teufels Großmutter in Dialog treten würde. Wenn ich sagen würde, ich wähle ihn nicht, dann verpatze ich mir eigentlich die Chance als Seelsorger.
Würde es Sie reizen, als eine Art Parlamentsseelsorger verirrte Politikerschäfchen zu betreuen?
Olaf Colerus-Geldern: Ja, das wäre eine reizvolle Aufgabe für mich. Es wäre mir ein Anliegen, für ein Bewusstsein zu sensibilisieren, das sich bemüht, der Würde jedes einzelnen Menschen, der ja ein Geschöpf Gottes ist, gerecht zu werden.
Gedenkprojekt
Im Rahmen des Gedenkprojektes "8UNG 1918.38.68.2008" laden Kath. Akademikerverband und Landesarchiv zur Diskussion: "Antisemitismus in Österreich. Von den Novemberpogromen 1938 bis heute".
Diskussion
Es diskutieren: Peter Landesmann (Judaistikinstitut Wien), Olaf Colerus-Geldern (Diözese Gurk), Wilhelm Wadl ("Die Juden in Kärnten und das Dritte Reich"). Moderation: Otto Friedrich (Die Furche). Im Landesarchiv, St. Ruprechter Straße 7, Klagenfurt. Heute, 5.11.,, 19 Uhr.














-Anzeigen