Colerus-Geldern : "Eine unvergleichbare Untat"
Im Kärntner Landesarchiv diskutieren heute Historiker und Zeitzeugen über "Antisemitismus in Österreich". Olaf Colerus-Geldern hat dessen Auswüchse als Kind miterlebt.
Worin besteht für Sie die Herausforderung, auch heute noch über das Thema Antisemitismus nachzudenken?
Olaf Colerus-Geldern: Der Antisemitismus ist das verdichtetste Beispiel für die Schwierigkeit, die Existenz des Fremden, des Anderen zu akzeptieren. Jedes Gespräch über Antisemitismus hat als Vorgabe die Anerkennung, dass die versuchte und großteils erfolgreiche Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Europa eine in der Geschichte unvergleichbare Untat war. Das ist ein Faktum, das selbst denen, die diese Zeit miterlebt haben, nicht immer so bewusst ist. Nicht einmal in erster Linie wegen der immensen Zahl der drangsalierten und getöteten Menschen, sondern wegen der kalten Systematik dieser Aktion. Man braucht da nur an die vielfältigen Formen der Erniedrigung denken, denen die jüdischen Bürger im so genannten zivilen Leben ausgesetzt waren: vom Tragen des Judensterns bis zum Zwang, mit Zahnbürsten die Trottoirs zu reinigen.
Haben Sie solche Demütigungen persönlich miterlebt?
Olaf Colerus-Geldern: Hier in Klagenfurt ist mir nicht bekannt, dass es zu einem Straßenwaschen gekommen ist, aber ich habe zum Beispiel im November 1938 die Plünderung der Friedländer-Wohnung am Neuen Platz miterlebt. Ich kann mich auch erinnern – ich war gerade in der ersten Klasse Gymnasium – dass mir der Großvater entgegengekommen ist und gesagt hat: ,Heute ist es auf der Straße nicht sicher, komm schnell heim.? Ich hab dann vom Balkon aus mitverfolgt, wie sich am Neuen Platz, aber nicht nur dort, normale Bürger zusammengerottet haben und mit Hetzparolen durch die Gassen gezogen sind. Am nächsten oder übernächsten Tag musste ich zu meiner Klavierlehrerin in die St. Veiter Straße, und da fiel mir schon im Hof auf, dass es so verbrannt riecht. Die Lehrerin hat mir dann erzählt, dass am Tag davor eine jüdische Wohnung ausgeräuchert wurde.
Wie verlief ein solches Ausplündern, wie im Falle der genannten Friedländer-Wohnung?
Olaf Colerus-Geldern: Laut Erzählung meiner Großeltern haben sie Bilder zerschnitten und Porzellan hinuntergeworfen. Unter Verfolgung hatten auch andere Familien zu leiden sofern sie nicht emigrieren konnten. Ein Beispiel ist die Preis-Familie. Einige konnten fliehen, andere sind einfach verschwunden. Für mich persönlich ist die Erniedrigung von Menschen die entsetzlichste Versuchung, die es gibt.
Gedenkprojekt
Im Rahmen des Gedenkprojektes "8UNG 1918.38.68.2008" laden Kath. Akademikerverband und Landesarchiv zur Diskussion: "Antisemitismus in Österreich. Von den Novemberpogromen 1938 bis heute".
Diskussion
Es diskutieren: Peter Landesmann (Judaistikinstitut Wien), Olaf Colerus-Geldern (Diözese Gurk), Wilhelm Wadl ("Die Juden in Kärnten und das Dritte Reich"). Moderation: Otto Friedrich (Die Furche). Im Landesarchiv, St. Ruprechter Straße 7, Klagenfurt. Heute, 5.11.,, 19 Uhr.














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