Quergedacht: Bitte nicht auswandern!
Kommentar von Egyd Gstättner: Abiturienten machen den Abgang, Gesinnung geht vor Geist. Trotzdem ist Kärnten für alle da.
In der letzten Woche haben sich circa 58% der einheimischen Bevölkerung und alle Auslandskärntner per E-mail oder am Telefon bei mir gemeldet und mir ihr Leid geklagt, wie erschüttert sie über die Heiligsprechungshysterie eines Menschen waren, der mindestens so viele Fehler hatte wie alle anderen auch. Ältere Menschen haben sich, wie sie mir erzählten, mit Schaudern an ältere Zeiten erinnert gefühlt, an die sie sich gar nicht mehr erinnern wollten.
Auslandskärntner.
Die zweitgrößte Kärntner Stadt ist bekanntlich nicht Villach, sondern Wien, die drittgrößte nicht Spittal an der Drau, sondern Graz an der Mur: Und die dort lebenden Auslandskärntner haben mir gesagt, sie seien froh, dass sie ausgewandert sind. Angesichts der Bilder (im Fernsehen) kommen sie ganz bestimmt nicht mehr zurück, auch wenn Kärnten als Land noch so schön ist. Die Inlandskärntner dagegen haben entmutigt und frustriert geseufzt, ihnen sei zum Auswandern.
Sonnenliebe.
Und ich habe allen gesagt: Bitte nicht auswandern! Kärnten ist für alle da! Bitte um Nachsicht für die Sonnenanbeter im Land, habe ich gesagt. Wer zu lange direkt in die Sonne sieht, wird geblendet. Wer die Sonne zu sehr liebt, den macht die Sonnenliebe blind. Erblindete Menschen haben ein schweres Schicksal zu meistern, und sie brauchen besonders fürsorgliche Behandlung. Bleibt da! Es wandern ohnehin viel zu viele aus!
Geistesmenschen.
Man möchte meinen, in einem Land mit einer Universität, über einem Dutzend Gymnasien und höheren Schulen müsse es ein reges Geistesleben geben. Aber seit Jahrzehnten gehen Jahr für Jahr die meisten jungen Geistesmenschen weg. Die Abiturienten machen den Abgang. Und weil sie nicht zurückkommen, hat ihre Heimat weder etwas von ihren Fähigkeiten, noch von ihrem Geist, noch von ihrer Weltoffenheit, die sie sich auswärts angeeignet haben. Was bleibt übrig? Welches Land der Welt könnte Jahr für Jahr einen solchen kreativen und intellektuellen Exodus bewältigen?
Existenzgrundlage.
Die Heimat biete ihnen keine Existenzgrundlage, argumentieren die Auslandskärntner und seufzen noch einmal. Es gäbe in Kärnten zwar jede Menge Geistesarbeit zu verrichten, aber viel zu wenig Geistesposten - und die wenigen werden seit Jahrzehnten knallhart parteipolitisch besetzt. Gesinnung gehe vor Geist. Und so schließt sich der Teufelskreis der Geistesarmut.














