Nobelpreis-Reaktionen: Überraschung und Befremdung
Die Zuerkennung des Literaturnobelpreises an den französischen Autor Jean-Marie Gustave Le Clezio ist auf große Überraschung gestoßen. Die meisten Stimmen äußerten sich positiv, es gab aber auch Kritik an der Entscheidung.

Foto © ReutersReaktionen der Kritiker
Der deutsche
Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki gibt sich enttäuscht: "Ich habe mich mit ihm nie ernsthaft beschäftigt." Auch die Literaturkritikerin Sigrid Löffler
hat sich überrascht und befremdet über den Nobelpreis für den
Franzosen J.M.G. Le Clezio gezeigt. Im Sender MDR Info sprach sie am
Donnerstag von einer "einigermaßen bizarren Wahl". Le Clezios Romanen
bescheinigte Löffler "Monotonie und Langweiligkeit". Das habe viele
Leser und auch sie selbst immer abgeschreckt. Löffler verwies darauf,
dass seit 1985 kein Franzose mehr den Literaturnobelpreis gewonnen
habe, und vermutete: Die Entscheidung müsse "etwas mit der
französischen Literatur zu tun haben".
Verlage. Le Clezio sei zwar seit 40 Jahren im Geschäft, "vagabundiert aber
durch die Verlage und hat jedes Buch in einem neuen Verlag", sagte
Löffler. Das bedeute auch, "dass die Verlage mit ihm und mit seinen
Verkäufen nicht sehr glücklich geworden sind".
Sehr verspäteter Romatiker"Le Clezio sei ein "sehr verspäteter Romantiker", meinte die
Kritikerin. "Er hat eine ziemlich natur-mystische Denkweise, die
stille Betrachtung von Naturschönheit liegt ihm, glaube ich, mehr als
irgendwelche gesellschaftlichen Befindlichkeiten. Das ist in unserer
Zeit, in unserer Literatur, schon etwas befremdlich."
Der frisch gebackende Staatspreisträger Josef Winkler
erfuhr unmittelbar nach seiner Ehrung von der APA von der Zuerkennung
des Literatur-Nobelpreises an Jean-Marie Gustave Le Clézio. "Vor
Jahrzehnten hab ich mich mit der französischen Moderne beschäftigt",
so Winkler, der als junger Leser "sehr beeindruckt" von Le Clezio
war.
Winkler beeindruckt. Der frisch gebackende Staatspreisträger Josef Winkler
erfuhr unmittelbar nach seiner Ehrung von der APA von der Zuerkennung
des Literatur-Nobelpreises an Jean-Marie Gustave Le Clézio. "Vor
Jahrzehnten hab ich mich mit der französischen Moderne beschäftigt",
so Winkler, der als junger Leser "sehr beeindruckt" von Le Clezio
war.
Freude. Dass nun "einer, für den die Sprache, der Stil, die Form eine
große Rolle spielt, den Nobelpreis erhält, freut mich natürlich
sehr", meinte der Autor, der in seiner heutigen Dankesrede zum
Österreichischen Staatspreis für Literatur unter anderem die
Unterhaltungsliteratur kritisiert hat. "Das ist Literatur: Wenn
jemand die Sprache zum Thema hat, wenn der Klang das Allerwichtigste
ist", so Winkler zur APA. "Was mich nicht interessiert, ist die
Mitteilungsliteratur."
Überraschung. Für den Literaturwissenschafter Alfred Noe vom Institut für
Romanistik der Universität Wien ist die Entscheidung für Le Clézio
"überraschend" aber auch "konsequent". Mit Claude Simon habe zuletzt
ein Vertreter des Nouveau Roman den Preis nach Frankreich geholt,
auch Le Clezio stehe in dieser Tradition: "Er hat den Nouveau Roman
weiterentwickelt, ist aus seinen rein formalen Grenzen ausgebrochen",
so Noe gegenüber der APA. Der "Sprachästhet" Le Clézio verstünde
"Literatur nicht im naturalistischen Sinne, seine Vorstellungen sind
noch sehr stark ästhetisch orientiert". Die Entscheidung der Akademie
sei vor allem in dem Sinne verständlich, "dass er der letzte große
Vertreter dieser Schule" ist. Auch in Frankreich selbst sei Le Clezio
jedoch alles andere als ein Massenphänomen: "Das ist
Intellektuellen-Literatur für Ausgewählte."














