Tanz rund um die Uhr
Ingrid Türk-Chlapek, Chefin des Kärntner Artemis Generationentheaters, über ihre Erfahrungen bei einem internationalen Workshop für Tanzkritiker.
Professionelle Tanzberichterstattung fristet ein stiefmütterliches Dasein in den Medien. Die Presse vermittelt Tanz lieber über spektakuläre Fotos, denn schöne Körper in artistischen Posen faszinieren nun einmal die Augen der Leserschaft. Mit dieser Problematik lebt das Wiener "ImPulsTanz"-Festival, ein riesiges, hochsommerliches Tanzevent aus unzähligen Workshops und Aufführungen seit langem. Anlässlich des heurigen 25-jährigen Jubiläums bastelte man kreative Gegenstrategien. Erstmals lief das Projekt Critical Endeavour, ein dreiwöchiges EU unterstütztes Fortbildungsprogramm für elf ausgewählte, angehende Tanzkritiker aus Belgien, Bulgarien, Großbritannien, Madagaskar, Österreich, Rumänien, Schweden, Serbien und der Türkei.
Fachkundig.
Es ging um Schulung von journalistischen Zukunftshoffnungen, um langfristig mediale Präsenz sowie fachkundige Kritik anzukurbeln. Zudem fungierten die Teilnehmer als Juroren für die "8:tension"-Nachwuchsschiene, bei der die beiden Choreografen Dalija Acin und Olivier Dubois mit dem "Prix Jardin d'Europe" ausgezeichnet wurden.
Fach-Tanzjournalisten. Zum Unterricht treffen wir uns in den Büroräumlichkeiten von "ImPulsTanz". Fachkräfte aus dem Tanzjournalismus, wie der Deutsche Franz Anton Cramer, die New Yorkerin Gia Kourlas oder der Franzose Gérard Mayen locken uns mit scheinbar banalen Fragen aus der Reserve. "Was ist zeitgenössischer Tanz?" und "Warum schreiben wir Tanzkritiken?" verursacht heftige Wortgefechte. Unterm Strich bleibt alles elementar: Tanz ist unsere Leidenschaft. Genauer gesagt: das Beobachten von Tanz, die sinnliche Wahrnehmung sich bewegender Körper auf der Bühne von prickelndem Entertainment bis zu explosivem, gesellschaftskritischem Statement.
37 Vorstellungen.
Um das journalistische Handwerk zu perfektionieren, traben wir Abend für Abend ins Theater und sitzen in bis zu drei unterschiedlichen Tanzaufführungen. Bewaffnet mit den Insignien der Kritikerzunft, Schreibblock und Stift, besuchen wir siebenunddreißig Vorstellungen in drei Wochen. Schließlich gilt es unser Auge zu schulen, Tanz unvoreingenommen wahrzunehmen, auf Referenzen abzuklopfen, punktgenau zu analysieren und mit einer nachvollziehbaren, eigenen Meinung zu untermauern. Die enorme Bandbreite unserer tanzkritischen Betrachtungen spiegelt die bunte Palette von "ImPulsTanz".
Dürr-gelenkig. So präsentiert die Kandierin Marie Couinard ihre schrille Interpretation des Mythos Orpheus-Mythos mit gelenkig-dürrem Ensemble, indes der Belgier Wim Vandekeybus seine apokalyptisch-düstere Weltsicht "Menske" mit seiner rasant-energetischen Truppe auf die Bühne stemmt. Die zwölf Choreografien von "8:tension" sind vergleichsweise schmal, aber von hoher performativer Qualität. Hier hinterfragt etwa der Franzose Olivier Dubois in "Pour tout l'or du monde" die Normen der Gesellschaft anhand seines technisch versierten, aber fetten Körpers; hier untersucht die Türkin Ayse Orhon in "Can you repeat?" die symbolhafte Aufladung von Tanz anhand eines Mikrofons.
Selbst getanzt.
Viele Nächte schreiben wir nach den Vorstellungen Kritiken als Übung und Diskussionsgrundlage für den nächsten Tag. Die restlichen Nächte tanzen wir selbst nach den Aufführungen. Im Burgtheater Vestibül hat "ImPulsTanz" eine Festival Lounge mit Liegestühlen, Sofas, Cocktails, Jazz, Soul, Swing und Funk eingerichtet. Hüpfen, drehen, stampfen, schwitzen und lachen ist ab Mitternacht angesagt. Tanzen ist nun mal eine Leidenschaft, live und am Papier. Ingrid Türk-Chlapek ist Tanz- und Theaterwissenschafterin und Leiterin des Artemis Generationentheaters.















