Emanzipation in Erdfurchen
Ein Stück vom Dorfleben im "Kultur.Raum.Dorf" Maria Saal: "Messer in Hennen" von David Harrower. Eine knappe Stunde mit langem Nachhall.
Was für ein atmosphärischer Ort für den Auftakt des Projekts "Kultur.Raum.Dorf" von Stefan Schweiger und Maximilian Achatz! In einem Innenhof, den selbst alteingesessene Maria Saaler noch nie betreten haben, begibt sich eine einfache Landarbeiterin auf den Weg zur Erkenntnis. Der führt über die Sprache und einen Mord und am Ende bleibt "die Frau" allein, aber als Herrin über sich und ihr kleines Anwesen zurück.
Eigenartig. Dem Schotten David Harrower ist mit "Messer in Hennen" etwas Eigenartiges gelungen: wortkarge Poesie, beredte Stille, das Ungesagte (er-)zählt. Irgendwo am Land, in einem Dorf, wo sich keiner blicken lässt, aber jeder alles sieht, schindet der Bauer Pony William seine Frau. "Du bist wie ein gutes Feld", sagt er zur Frau, die antwortet fast erstaunt "Ich bin wie nichts", als habe sie ihre Unvergleichlichkeit soeben erst bemerkt. Im verhassten Müller (Gerüchte und Vorurteile prägen das Leben im Dorf) lernt sie erstmals jemanden kennen, der die Dinge hinterfragt und sie ermuntert, die Welt (mit dem Tintenstift) in eine Sprache zu kleiden.
Offene Augen. Das Regieduo Sybille Kolbe und Stefan Behr übersetzt dieses Augenöffnen eins zu eins: Die Frau trägt das Kopftuch nicht mehr bis über die Augen gezogen, ihr Mann scheitert beim Versuch, ihr die Augen wieder zu verbinden. Als sie ihn umbringt, führt er ihre Hand.
Schlicht. Schlichtheit zeichnet den Abend aus. Das Leben in eingefahrenen Bahnen verläuft in konzentrischen mit Erde markierten Kreisen. Aus großen Kugeln denkt man sich Heuballen, Getreidesäcke, einen Pflug. Auf einem Holzpflock in der Mitte residiert der Müller, ein eingeschlossener Außenseiter. Der Wind, der nur während des Mordes er-stirbt, wird zum Sturm, sobald eine(r) das Fenster (zur Welt?) öffnet. Dazu getröpfelte Musik (ohne Hinweis, klingt aber nach Arvo Pärt). Mit Mehl und Tinte wird schwarz-weiß-gemalt. "Alles, was ich tun muss, ist Namen hineinstoßen in das, was da ist. So wie ich mein Messer in den Magen einer Henne stoße", meint die Frau, großartig gespielt von Lucia P. Kimmig. In Markus Achatz (Bauer) und Jacek Klinke (Müller) hat sie adäquate Partner - für eine knappe Stunde Theater, das weit länger nachwirkt.
Features
Fakten
"Messer in Hennen" von David Harrower (Theater Waltzwerk/Theaterdogs Berlin)
Regie: Sybille Kolbe, Stefan Behr
Aufführungen: 1. und 2. August, 20.30 Uhr, im Toff-Innenhof (ehemaliges Gasthaus Zur Post)
Karten: Tel. 0664/21 22 672















