Mammutbäume und gute Geister
Der Geschichtsverein für Kärnten lud zu einer Landpartie durch das obere Lavanttal - und bot Einblick in Schlösser, die im Privatbesitz sind.
Man nehme einen bequemen Reisebus mit viel Jugend und ein paar älteren Semestern, die Historikerin Claudia Fräss-Ehrfeld, Präsidentin des Geschichtsvereins für Kärnten, Roland Bäck, Historiker mit Faible für Obst- und Gartenbau quer durch die Jahrhunderte, und breche auf zu einer Landpartie ins obere Lavanttal. Garantiert sind eine niveauvolle Gesellschaft, eine Flut an Informationen und der Zutritt zu Schlössern, die normalerweise verschlossen bleiben. Aber, Achtung! Man kann süchtig werden nach einem solchen Ausflug, wie ihn der Geschichtsverein unlängst organisiert hat.
Stolz auf Heizung. Im Park des Renaissanceschlosses Reideben, eng an den Hang der Koralpe geschmiegt, empfangen Graf Leopold und Gräfin Maria Elisabeth Auersperg. Smart in Trachtiges gehüllt, repräsentiert das Paar jenen Landadel, den man eigentlich schon als verloren gegangen glaubt. Man plaudert gerne aus dem Nähkästchen. 20 Jahre leben die Auersperg auf Reideben, aus dem heruntergekommenen Gebäude haben sie ein Schmuckstück gestaltet. Die Arkadengänge im ersten Stock sind heute verglast, weil im Winter der Sturm den Schnee auf den Gang trieb und man erst schaufeln musste, bevor sich die Türen der Zimmer, die alle nach außen führen, öffnen ließen. Seit dem Vorjahr besitzt man im gesamten Schloss eine Heizung!
Verschlossenes Wunder. Straßenseitig zu wirkt Gut Schmelzhofen in St. Margarethen unauffällig. Aber dann offenbart sich ein Wunder an Gediegenheit und Geschmack. Der Künstler Pepo Pichler lebt hier mit seiner amerikanischen Frau Anita. Schloss, Nebengebäude (heute zum Teil Atelier) und Park bilden eine Einheit, wie man sie selten sieht. Natürlich: Man hat viel Geld hineingesteckt, perfekt renoviert und ist mit Akribie um Gepflegtheit bemüht. Aber: Man hat auch viel Persönliches einfließen lassen - und das macht Schmelzhofen unverwechselbar.
Hilfsbereiter Geist. Serviert wird der Prosecco im riesigen Park unter dem 270 Jahre alten Mammutbaum. Von der Küche weiß die quirlige Anita Pichler zu erzählen, dass dort ein Gespenst haust, das Dinge fliegen lässt, ansonsten aber "ein hilfsbereiter, die Reinlichkeit liebender Geist" ist. Vom exquisiten Weinkeller bis zum Dach verrät die Einrichtung den individuellen Stil des Ehepaares - eine köstliche Symbiose aus Traditionellem und Moderne. Alles durchdacht, alles arrangiert bis ins Detail und dennoch nie unnatürlich oder aufgesetzt - passend zur herzlichen, unprätentiösen Gastfreundschaft der Gutsbesitzer. Übrigens (ein bisschen Geschichte muss sein) hat auch Schmelzhofen Bezug zum Kärntner Adel: Im 16. Jahrhundert heiratet Katharina Weiß-Schmelzhofen den Andreas von Rosenberg. Das gut bekannte Geschlecht der Orsini-Rosenberg hat hier seinen Ausgang.
Weiter geht´s. Weiter geht's in Richtung Schloss Lichtengraben bei Bad St. Leonhard. "1886 hat mein Urgroßvater diesen Forstbetrieb gekauft", erzählt Hausherr Andreas Rittler, der mit Gattin Astrid den riesigen Besitz bewirtschaftet. Der Obstgarten wurde 1882 angelegt - und ebenso alt sind die Apfelbäume dort, die nach wie vor tragen und ein wichtiger Erwerbszweig der Schlossherrn sind. Lavanttaler Bananenäpfel wurden seinerzeit übrigens bis an den russischen Zarenhof verschickt und dort verspeist. Gleichzeitig war die Frucht im 19. Jahrhundert weniger wichtig als der Essig, unverzichtbar zum Herstellen von Bleiweiß, einem hochgiftigen Weißpigment. Kärntner Bleiweiß wurde auch noch auf die Golden Gate Bridge in San Francisco aufgetragen.
Mietbar. Zurück nach Lichtengraben: Nach dem anstrengenen Tag schlürft man im Garten "Paracelsus", eine feine Kreation aus Most und Hollersaft, und verteidigt die offerierten Brote gegen den Haushund. Andreas Rittler, Forst-, Landwirt und Forellenzüchter, führt die Besucher zur nahen Ruine Painburg und gewährt einen Einblick in die Räume des Schlosses. Einige davon kann man für Feste wie Hochzeiten mieten, am zweiten Adventwochenende findet hier ein Weihnachtsmarkt statt - übrigens ein wohlig warmer, denn seit kurzem wird eine Zentralheizung durch Hackschnitzel befeuert. "Für eine Ölheizung würde ich 20.000 bis 25.000 Liter Öl brauchen", erzählt Rittler. Pro Winter wohlgemerkt - und was verrät mehr über die Dimensionen von Lichtengraben als eine solche Zahl?
Süchtig. Unnötig zu wiederholen, dass man mit dem Geschichtsverein unterwegs ist. Unnötig zu erwähnen, dass noch das Mausoleum der Familie Henckel-Donnersmarck, Schloss Wiesenau, ein Hochofen, Kirchen besichtigt werden. Unnötig zu sagen, dass man am Abend bisschen "erschlagen" ist. Aber auch süchtig!















