Die "Spiele" und die Welt rundherum
Mit Logik und Leidenschaft war ein Kader von 24 Autoren für das Buch "Seitenwechsel" am Ball. Den "Abpfiff" schrieb der Regisseur Martin Kusej - in Form eines Briefes an den Herausgeber Samo Kobenter.

Foto © APA/TechtBlick zurück - von der Bühne auf die anderen Spielfelder: Martin Ku?ej, Regisseur aus Kärnten, versuchte sich als Autor mit einer Geschicht von Fußball
Lieber Samo, es bleibt leider dabei: Mir fällt definitiv nichts besonders Originelles oder Unterhaltsames, schon gar nicht etwas Existentielles zum Thema Fußball bzw. "Seitenwechsel" ein. Seltsam eigentlich, halte ich mich doch für erstens ganz kompetent und informiert, zumindest was die deutsche Bundeliga betrifft (Spezialgebiete HSV und St. Pauli sowie Bayern München und Hans Meyer, der immerhin im Programm der Salzburger Festspiele mit mir aufgetreten ist) und zweitens gehört der Fußball - wie meine Profession - im weiteren Sinn zum Bereich des "Entertainment".
Entscheidung. Aber die Entscheidung, sich vom Leistungssport abzuwenden zugunsten der Theater-Kunst, hat wohl auch das Ausblenden von theoretischer Reflexion zu diesem Thema beinhaltet. So sehr ich mich bemühe - in meinem Kopf entsteht einfach kein Bild, keine Geschichte, kein erzähl- oder beschreibbares Geschehen, in dem ein Fußball vorkommt (...)
Erinnerungen. Was bleibt, sind ganz banale Erinnerungen. Wie ich dir erzählt habe, spielte ich in den siebziger Jahren "rechter Aussendecker" in der A-Jugend des SV Union Ruden. Im Lauf meiner Karriere habe ich es an zählbaren Erfolgen auf drei Tore in Punktespielen gebracht - und des weiteren höchstens die üblichen Erfahrungen gemacht, die mich Zeit meines Lebens verfolgt, geprägt und schließlich dazu geführt haben, mich als politischen Menschen in einem meist autoritären und repressiven System zu begreifen, das mit den hehren Regeln und Zielen des "Sports" genauso wenig zu tun hat, wie mit allen anderen humanistischen und liberalen Werten.
Schlüsselerlebnis. Das Schlüsselerlebnis in dieser Hinsicht war eine unfassbare Beschimpfung durch meinen damaligen Trainer, weil ich meinen Gegenspieler, der genau diesen einen uneinholbaren halben Meter schneller war als ich, nicht einfach von hinten niedergerissen oder umgesenst hatte. Dieser Gegner hatte meinen Respekt, aber ich wurde auf sehr brutale Art fertig gemacht. Die Beschimpfung verkehrte sich schnell in den in Kärnten üblichen finalen Niederschlag, wo man auch noch für Herkunft und Intelligenz gescholten wird. Ähnliche Geschichten sind mir noch oft passiert (auch später als anerkannter Spieler in der Handball-Bundesliga); ich war ein harter Hund, keine Frage, und doch fand ich mich manchmal weinend in der Kabine sitzen angesichts unverhohlener Drohungen und Sätzen wie: "So was wie di hätt ma untan Hitla vagast!"
Features
Zur Person
Martin Kusej, geboren 1961, aufgewachsen in Ruden. Studium (Germanistik, Sportwissenschaften, Regie in Graz), daneben Bundesliga-Handballspieler. Heute ist Kusej gefragter Theaterregisseur, ab 2011 Intendant des Münchner Residenztheaters.
Foto

"Ein harter Hund, der manchmal weinend in der Kabine saß": Martin Ku?ej (Nummer 14) über seine Zeit in der Handball-BundesligaFoto © Privat
"Ein harter Hund, der manchmal weinend in der Kabine saß": Martin Ku?ej (Nummer 14) über seine Zeit in der Handball-BundesligaGrafik © Privat
Das Buch
Seitenwechsel ist der Titel des Sammelbandes mit Geschichten vom Fußball (Bohmann-Verlag, Wien).
Präsentation: 14. Mai, 19 Uhr, Buchhandlung Hacek in Klagenfurt. Mit Samo Kobenter (Herausgeber) sowie den Autoren Janko Ferk und Manfred Moser.












