Wolfgang Wagners Rücktritt ist tiefe Zäsur für die Festspiele
Gerade noch rechtzeitig hat Wolfgang Wagner eingelenkt. Mit seinem Rücktritt zum 31. August behält der 88-jährige Bayreuther Festspielchef das Heft des Handelns in der Hand und sichert die seit der Festspielgründung 1876 andauernde Wagner-Dynastie auf dem "Grünen Hügel".

Foto © APWolfgang Wagner
Seine beiden Töchter Eva
Wagner-Pasquier (63) und Katharina Wagner (29) werden die weltweit
renommierten Richard-Wagner-Festspiele aller Voraussicht nach künftig
als Duo leiten.
Ernennung nur Formsache. Ihre Ernennung durch den Stiftungsrat nach Ablauf der
viermonatigen Bewerbungsfrist dürfte nur noch Formsache sein, denn
sowohl der Bund als auch der Freistaat Bayern als die wichtigsten
Geldgeber haben sich bereits für die Tandemlösung mit den beiden
Halbschwestern ausgesprochen. Hätte Wagner sich jedoch weiterhin stur
gezeigt, dann wäre wohl auch diese Lösung nicht zustande gekommen.
Tiefe Zäsur. Die Festspiele bleiben nun handlungsfähig, wie der bayerische
Kunstminister Thomas Goppel (CSU) am Dienstag sagte. Wagners
Rücktritt nach 57-jähriger Regentschaft - davon 41 Jahre als
Alleinherrscher - ist gleichwohl eine tiefe Zäsur für die Bayreuther
Festspiele. Seit 1951 stand er in der Verantwortung - zunächst mit
seinem älteren Bruder Wieland, mit dem er die durch die Nähe zum
Nazi-Regime diskreditierten Festspiele neu aufbaute und
internationales Renommee zurückgewann.
Alleinherrschaft. Nach dem frühen Tod des genialen Regisseurs Wieland 1966 übernahm
Wolfgang Wagner die alleinige Macht im Festspielhaus. Er stellte die
Festspiele auf eine sichere finanzielle Basis und erneuerte
kontinuierlich die bauliche Substanz des Hauses. Rigoros drängte er
zunächst die Wieland-Familie vom "Grünen Hügel", nach der Scheidung
von seiner ersten Ehefrau Ellen auch seine Tochter Eva, bis dahin
seine wichtigste Helferin. In den 1980er Jahren festigte er seine
Alleinherrschaft mit einem lebenslangen Vertrag als
"Festspielunternehmer".
Nachhfolgerfrage. Doch der als hartnäckig und stur bekannte Wagner versäumte es in
den vergangenen Jahren, mit dem Stiftungsrat zu einer
einvernehmlichen Lösung in der Nachfolgefrage zu kommen. Lange
favorisierte er seine zweite Ehefrau Gudrun, die mit Wagners
fortschreitendem Alter zur heimlichen Herrin am Hügel aufstieg. Doch
sie war im Stiftungsrat nicht vermittelbar. Und die gemeinsame
Tochter Katharina, eine fähige Regisseurin, schien den Geldgebern zu
jung, um die Verantwortung zu übernehmen.
Versöhnung. Als alles danach aussah, als könne erst der Tod des Patriarchen
das Dilemma lösen, sorgte ein dramatisches Ereignis von Richard
Wagner'scher Dimension für die Wende: Völlig überraschend starb Ende
November 2007 Wolfgang Wagners 25 Jahre jüngere Ehefrau Gudrun.
Wagner versöhnte sich mit Tochter Eva, und die 63-Jährige
Opernmanagerin stimmte zu, sich künftig mit ihrer Halbschwester
Katharina (29) die Festspielleitung zu teilen. Großzügig sah Eva
Wagner-Pasquier dabei über die Schmach aus dem Jahr 2001 hinweg.
Damals war sie schon einmal zur Festspielchefin gewählt worden, ihr
Vater hatte sie aber als unfähig bezeichnet und trat nicht zurück.
Finanzielle Situation. Letztlich hat auch die angespannte finanzielle Situation der
Festspiele zu Wagners Einlenken beigetragen. Damit hatten die
Zuschussgeber Bund und Land zumindest indirekt ein Druckmittel gegen
den 88-Jährigen in der Hand. Denn ohne höhere Zuschüsse können die
Festspiele auf Dauer nicht überleben. Dies hatten Wagner auch die ihm
eng verbundenen Mäzene von der "Gesellschaft der Freunde von
Bayreuth" signalisiert.















