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Zuletzt aktualisiert: 29.06.2012 um 02:26 UhrKommentare

"Desorientiert, aber gut frisiert"

"Schland unter! Wir weinen mit Jogis Jungs", schreibt die "Bild", "Sprengmeister Balotelli zerlegt deutsche Abwehr" der "Focus". Und Italien? Das heißt in Zukunft "Balotalia". Eine Presseschau von Thomas Huber und Stefan Tauscher.

"Bild" weint - wohl auch, weil der Papst nicht abgehoben hat...

Foto © "Bild" weint - wohl auch, weil der Papst nicht abgehoben hat...

"Wir brauchen jetzt Hilfe von ganz oben! Hat irgendeiner die Handy-Nummer vom Papst?" – Deutschlands medialer Auflagen-Kaiser Bild hatte schon während des Spiels gegen die "Squadra Azzurra" die beste Schlagzeile des Abends. "Schland unter! Wir weinen mit Jogis Jungs", hieß es später – und: "Jogi: 'In den Kabine fliessen Tränen'". Die Trauer ist groß in unserem nördlichen Nachbarland, nachdem die DFB-Elf wie so oft bei einem fußballerischen Großereignis gegen die Italiener den Kürzeren gezogen hatte. Während die Bild als des Volkes Stimme also ganz auf der Seite der Löw-Mannen stand, bewahrte die Süddeutsche schon etwas mehr Distanz: "Das deutsche Team muss sich fragen, weshalb sie am Ende eines großen Turniers schon wieder eine fehlerhafte Leistung abruft."

Das Münchner Qualitätsblatt legte bei der Spieler-Einzelkritik ("Desorientiert, aber gut frisiert") mit feiner Ironie nach: "Thomas Müller versucht Chaos zu stiften, Jérôme Boateng fehlen drei Dutzend Karrierejahre an Cleverness, Lukas Podolski knüpft an seine Leistung vom WM-Halbfinale 2006 an. Und Özils Elfmetertreffer? Kommt zu spät.". Wie immer unschlagbar auch der Titel des Fußballmagazins 11 Freunde für den eigenen Live-Ticker: "Wir machen ihm ein Angebot, dass er nicht ablehnen kann" , dahinter ein großes Bild von Italiens Star-Goalie und Kapitän Gianluigi Buffon.

"Opfer des blauen Fluchs"

"Mit der falschen Taktik und ohne den nötigen Mumm ist die deutsche National-Mannschaft wieder an ihrem Angstgegner gescheitert ...", schreibt die Welt. Der Hamburger Stern hat bereits kurz nach Spielende eine erste Analyse parat: "Individuelle Fehler, ein einfallsloses Mittelfeld und die Risikofreude bei der Aufstellung von Joachim Löw waren schließlich verantwortlich für das Ausscheiden der Nationalmannschaft bei der EM. Die 1:2-Niederlage war vor allem auch ein Scheitern an sich selbst. Wer hätte das gedacht!".

Ähnlich der Tenor beim Spiegel ("Opfer des blauen Fluchs"): "Der Gesichtsausdruck von Bundestrainer Joachim Löw spiegelte Verzweiflung wider. Da hatte er in diesem Turnier bislang alles richtig gemacht, seine Mannschaft hatte wie kaum eine andere überzeugt ... Diese so talentierte Generation deutscher Fußballer, sie bleibt unvollendet. Wie auch das Wirken von Löw."

Neben der eigenen Nationalelf stand natürlich auch der Matchwinner für die Azurblauen im Mittelpunkt der Berichterstattung. Nochmals die Süddeutsche: "Plötzlich stand er wie eine Statue im Strafraum. Oberkörperfrei. Ein deutscher Albtraum, ein italienischer Volksheld, Mario Balotelli. Man wird dieses archaische Bild noch lange Zeit mit dem Moment verbinden, als der Unterhaltungsfußball von Joachim Löw krachend scheiterte, als sich das neue Deutschland eine unfreiwillige Lehrstunde einhandelte."

"Muskelmann und Sprengmeister"

Unter dem Titel "Muskelmann Balotelli zerquetscht deutsche Abwehr" fand die Welt lobende Wort für den Italo-Ghanaer: "Er tänzelte mit dem Ball, ließ sich ins Mittelfeld fallen und war so sehr mittendrin in der Partie, dass er sogar Zweikämpfe führte – ansonsten eine höchst seltene Balotelli-Dienstleistung". Besonders der eindrucksvolle Moment, als sich Balotelli das Leiberl vom gestählten Leib riss, hatte es den Kollegen angetan: "Balotelli verharrte mit aufgepumpten Muskeln, zusammengepressten Lippen und weit aufgerissenen Augen in der Pose eines Bodybuilders. Zwei, drei Augenblicke dauerte es, bis seine Mitspieler jubelnd über ihn herfielen".

Wunderbar auch der Focus, der den Doppeltorschützen ebenfalls in den Fokus nahm: "Sprengmeister Balotelli zerlegt deutsche Abwehr. Dieser Typ ist pures Dynamit! Bei Mario Balotelli liegen Genie und Wahnsinn nah beieinander, beim 2:1 gegen Deutschland im EM-Halbfinale zeigte Italiens Enfant terrible mit zwei Toren, was es drauf hat."

Italien heißt jetzt "Balotalia"

So kritisch und trauernd Deutschlands Schreiberlinge das Halbfinale verarbeiten, so euphorisch ist Italiens Presse über den Einzug der "Squadra Azzurra" ins EM-Finale. Da wird weniger analysiert, dafür umso mehr gefeiert. Eine Schlagzeile gleicht der anderen, die Superlative überschlagen sich. "Grande Italia!", jubelt etwa La Repubblica. Vor allem über einen: Matchwinner Mario Balotelli.

In Deutschland als "Tor-Protz Balotelli" (Bild) verunglimpft, ist der 21-Jährige nach seinem Doppelpack der "Stolz Italiens" - zumindest für die Gazzetta dello Sport. Nicht die Deutschen, sondern "Wir sind die Panzer!", heißt es. Daneben das ikonenhafte Bild des von oben bis unten muskelbepackten Balotelli. Er habe gegen Deutschland den Unterschied gemacht, schreibt die Zeitung. LaStampa formuliert es drastischer: "Blaues Meisterwerk: Super-Mario zerstört Deutschland". Und während Deutschland in seine Einzelteile zerlegt worden ist, hat Italien von Tuttosport auch schon einen neuen Namen verliehen bekommen: "Balotalia". Nachsatz: "Balotelli, zum Verrücktwerden!"

Besonders verrückt geworden von der "Balotelli-Show" (Corriere della Sera) ist vor allem eine: Balotellis Adoptivmutter. Sie hat Tränen in den Augen, als sie ihren Sohn umarmt. Ein großes Bild an einem großen Abend - zumindest für Italien.

THOMAS HUBER, STEFAN TAUSCHER

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