Schau dem Kanzler tief in die Augen
Wer behauptet, alle politischen Mitstreiter in Österreich seien sich spinnefeind und alles verloren, wurde eines Besseren belehrt: Bezaubernde Fotos aus der Liechtensteinklamm in St. Johann im Pongau zeigen Rot und Grün in zärtlich verbundener Zweisamkeit. Was darf man davon halten? Von Thomas Golser.

Foto © APABundeskanzler Werner Faymann und Grünen-Chefin Eva Glawischnig
Es ist so mühsam wie die gefühlten 50 Hitzetage: Jeder ist gegen jeden - und am Ende sind dann doch alle "für nix". Das erbärmliche Sittenbild, an dem Österreichs Politik während der letzten Monate bzw. Jahre wenigstens unbewusst gearbeitet hat, hat sich im Kopf vieler nicht ganz zu Unrecht eingebrannt: Zwietracht - ganz egal, wohin man schaut. Anpatzen - dort, wo noch eine letzte (einigermaßen) saubere Stelle war. Sachpolitik nur noch am Rande - dafür andauernd Selbstreinigungsversuche der Parteien, die keiner mehr so richtig ernst nimmt. Alles hoffnungslos also? Muss man die Politik abhaken?
Sommerliches Hintergrundgespräch
Mitnichten! Selbst im geschüttelten, nicht gerührten Österreich, das einen mittlerweile in mancherlei Hinsicht an vom Reiseführer nicht empfohlene Staaten in Südamerika erinnert, besteht noch Hoffnung. Hoffnung darauf, dass Volksvertreter die Attacke nicht als einzige Strategie im Köcher haben und das vor allem auch öffentlich zur Schau stellen wollen. Das macht die ganze Sache mit der Politik zumindest wieder menschlich(er) und nicht unmenschlich widerlich. Im Rahmen ihrer ausgedehnten "Sommertour" durch Österreich traf Grünen-Chefin Eva Glawischnig in der Liechtensteinklamm in St. Johann im Salzburger Pongau auf Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ). Um Umwelt, Energie und Europa sei es gegangen, eine Stunde saß man unter vier Augen zusammen und besprach alles, was da zu besprechen war. Glawischnig wollte im Rahmen ihrer Promotion-Reise durch das Land ja wirklich für jeden ein offenes Ohr haben. Sogar für den Kanzler.
Vor Wahlen wird die Politik immer so volksnahe!
Daneben war immerhin noch Zeit für einige, beinahe zärtliche Fotos in imposanter Kulisse. Rein zufällig war auch ein Heer von Redakteuren, Fotografen, Kameramännern und Beleuchtern in der Klamm. Wie das Leben eben so spielt. Tiefe Blicke des Kanzlers an die Klubchefin, die allerdings nicht immer erwidert wurden. Versonnenes Starren in die Ferne, dabei an ein Brückengeländer gelehnt - lässige Handbewegung und gut einstudiertes Lächeln verteilend. Die oberste Grüne war in eine in mancherlei Hinsicht bemerkenswerte Farbkombination aus Blau und Orange gehüllt - man wird die schaurigen Erinnerungen an die Kärntner Heimat offenbar nicht so einfach los. Der Bundeskanzler setzte auf eher monochrome Wanderkleidung, die allerdings mit dem ergrauten Haupthaar gut harmonierte. Statt Hemd und Krawatte ein pechschwarzes Polohemd - auch den Koalitionspartner wird man eben nicht - so mir nichts, dir nichts - los.
Keine Antwort von der Volkspartei
Apropos Volkspartei: Glawischnig hielt fest, auch die ÖVP eingeladen zu haben - wurde von dieser aber ignoriert. Vizekanzler Michael Spindelegger "mag sie persönlich sehr gerne", sie empfahl ihm aber, "er solle mal raus unter die Leute". Dass er gesagt habe, eine Koalition mit den Grünen sei nicht vorstellbar, versteht die Grüne nicht - so viel Sommerlaune kann gar nicht sein: "Bei mir gibt es da keine Vorbehalte, wir werden auch weiterhin mit der ÖVP zusammenarbeiten". Vielleicht klappt es ja in der nächsten Klamm. Wie viel aus der Wanderpartie nun für die Partnersuche nach der Nationalratswahl 2013 abzulesen ist, steht in anderen Sternen. Rot-Grün regiert ja immerhin Wien - auf Bundesebene dürfte sich das schon rein rechnerisch nicht ausgehen. Einer Dreierkoalition in den Farben Rot, Schwarz und Grün steht Glawischnig skeptisch gegenüber.
Vielleicht war es aber auch nur ein medienwirksam verpackter, linksgerichteter Schaulauf - und beiden stand der Sinn nach "Wellness-Politik": Die Grüne, zuletzt vom ORF-Wolf (Armin, Anchorman) im "Sommergespräch" ins Stakkato-Kreuzverhör genommen, wollte möglicherweise einmal ausreden dürfen und gemeinsam Gedanken in die gleiche Richtung schweifen lassen. Auch Faymann wollte vielleicht abschalten und nicht mehr an diese Vorwürfe erinnert werden, von denen alle Tageszeitungen in Österreich (mit Ausnahme einer gewissen selbstverständlich) berichten. Ins Private statt Inserate!






