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Zuletzt aktualisiert: 27.07.2012 um 09:45 UhrKommentare

Der Cheerleader mit der Kalaschnikow

Madonna rollt mit sagenhaften 76 Trucks ins Wiener Ernst-Happel-Stadion und stemmt sich mit einer pompösen Show gegen ihr eigenes Ablaufdatum im grellen Popzirkus: Techno, Kostüme, Kommerz und einen gewissen Mangel an Substanz hat der 53-jährige Superstar jedenfalls mit im Tourgepäck. Von Thomas Golser.

Die Vorturnerin in Kampfstellung, daneben der kleine Trommler

Foto © ReutersDie Vorturnerin in Kampfstellung, daneben der kleine Trommler

Normalsterbliche lernen in ihrem Leben vor allem so manche Tretmühle kennen, einige Superstars landen früher oder später in der Zwickmühle. Besonders passendes Beispiel für letztere Kategorie ist Madonna: Wer seine Karriere größtenteils auf Power-Workouts, laufenden Neuerfindungen, immerwährender Jugendsucht und ein paar mundgerechten Provokationen aufgebaut hat, kommt einmal am Ende der Fahnenstange an. Vor allem dann, wenn die junge "Generation Gaga" seit längerem lauert und mit dem gleichen Fahrwasser kocht. Doch eine Madonna lässt sich nicht so einfach abklatschen.

Laut und bunt, grell und düster

Wenn es nicht mehr ganz so geschmiert läuft wie vor - sagen wir - fünfzehn Jahren, glaubt man offenbar alles in die Materialschlacht werfen zu müssen, was überhaupt zur Verfügung steht. Madonna gastiert am 29. Juli im Ernst-Happel-Stadion und rollt dafür mit 22 Bühnen- und 38 Produktions-Trucks sowie 16 mit "Site Material" nach Österreich. Über 20 Tänzer und Tänzerinnen stehen der Pop-Diva auf der monumental gestalteten Bühne zur Seite - darunter ist auch Madonnas aktueller Lebensgefährte (Name: irrelevant). Es ist viel mehr eine überladene Revue als ein ganz gewöhnliches Konzert: Es gibt keine Band, die im Mittelpunkt stehen dürfte - diese würde auch gegen das, was sich auf der Bühne abspielt, den Kürzeren ziehen: Grell und düster, laut und bunt, sich wichtig nehmend und dann doch einigermaßen banal. Viel Elektronik und Sound-Konserven, viel Bass und Rhythmus. Ein wenig erinnert einen das Ganze an die durchgehende Party auf einer Maturareise - nur, dass die Maturantin in diesem Fall 53 Jahre alt ist.

Madonna sieht sich selbst noch immer als Mensch gewordene Partydroge - dafür trat sie zum Duell auf der Tanzfläche an und turnte sich während der letzten Konzerte in einen wahren Rausch: Es ist ein Kampf für sich selbst, gegen die Konkurrenz und gegen den nagenden Zahn der Zeit. Zur Aufführung kommen vor allem die aktuelleren Songs, dazu ein paar ältere Stücke, oft nur angespielt oder neu arrangiert - wer hat z.B. großes Bedürfnis nach "Like a virgin" in einer Walzer-Version? Madonna wäre natürlich nicht Madonna, würde sie sich nicht mit aller Vehemenz gegen ihren Niedergang auflehnen - und dafür werden alle Register gezogen: Sie wärmt für ihre aktuelle Show schon des öfteren gebrachte Klischees aus 30 Jahren Karriere auf. So wie eine Kauffrau zum Schlussverkauf lädt - mit allerdings überhöhten Preisen: Dass die Materialschlacht vor allem auch den Konzertbesucher kostet, ist relativ logisch. Wie viele wirklich in den Wiener Betonbunker kommen werden, ist noch offen: Von arg schleppendem Vorverkaufsstart war die Rede, der optimistisch eingestellte Veranstalter rechnete mit 30.000 Besuchern.

Mit Revolver und Kalaschnikow

Worauf dürfen sie sich also einstellen? Da ist der knallbunte Ober-Cheerleader, der sich neben Tänzern (die ihre Enkel sein könnten) abmüht und noch immer fabelhaft zu plumpen Posen zurechtbiegen kann. Daneben spielt Madonna aber auch die Gestrenge, die gerne mit Revolver, Kalaschnikow und Sturmgewehr hantiert und dazu allen Ernstes Textzeilen wie "Bang bang, shot you dead, shot my lover in the head" von sich gibt: In Zeiten, in denen die USA und der Rest der Welt beinahe wöchentlich neue Amokläufe vermelden, nicht weniger als strohdumm und nicht einmal als Persiflage zu goutieren. Dazu gibt es die von Madonna bereits wohlbekannten Anspielungen auf Religion und Kirche: Eine künstliche Kathedrale, von deren Decke ein gigantisches Weihrauch-Fass baumelt, massenhaft Kruzifixe in allen Größen - und ein paar Pseudo-Mönche werfen die Kutten ab, um ihre gestählten Oberkörper herzuzeigen. Wozu aber nun der ganze Zirkus, den Frau Ciccone hier abzieht? Pomp ist kein Inhalt, Pomp bleibt (Pl)attitüde.

Wenigstens an CD-Verkäufen und Downloads der letzten Jahre gemessen, befindet sich die über Jahrzehnte vom Erfolg Verwöhnte am Weg ins Tal - den Tiefpunkt markiert das aktuelle Werk "MDNA": Es hat den spektakulärsten Fall von allen bisherigen zwölf Madonna-Studio-Alben hinter sich. Viele Exemplare sollen nach dem Erscheinen sogar gratis verteilt worden sein, um die Bilanzen etwas zu schönen. Dass ein neues Madonna-Produkt wie dieses nicht (mehr) so recht ziehen mag, wurde zuletzt so erklärt: Produzent William Orbit ließ auf Facebook wissen, die wirklich starken Lieder habe man an andere Künstler abtreten müssen: Vor allem auf dem neuen Album von Chris Brown seien demnach die besten Nummern zu hören, die Madonna nie eingespielt hat.

Selbst die Ausreden waren schon einmal besser.

THOMAS GOLSER

Wien-Konzert

Einlass in das Stadion ist am 29. Juli um 17:00 Uhr, Madonna geht um 21:00 Uhr auf die Bühne. Karten sind bei oeticket und an den Abendkassen erhältlich.

Die Wetterprognose der ZAMG für den Sonntagabend: Wechselnd bewölkt, dazu kann es einzelne Regenschauer geben, heißt es.





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