Kein Anschluss unter diesem Menschen
Vor bald 30 Jahren kam mit dem 800 Gramm schweren und 3.500 Dollar teuren DynaTac 8000X das erste Handy auf den Markt. Heute sind in Österreich schon an die 13 Millionen SIM-Karten im Umlauf, man ist allzeit bereit zum "Handyfonieren" - doch kann der Gewinn an Lebensqualität da mithalten? Von Thomas Golser.

Foto © Fotolia.com - Mario Beuaregard
"Nomophobie" - noch nie davon gehört? Dahinter lauert die "No More Phone"-Phobie - also die krankhafte Angst ganz handylos und nicht ständig erreichbar zu sein. Natürlich: Nicht immer muss es gleich so weit kommen - auch wenn aktuellen Studien zufolge schon zwei Drittel aller Handybesitzer darunter leiden sollen. Liest man, dass die Österreicher 2011 insgesamt bereits über 22 Milliarden Minuten mit ihren Handys (ver)telefoniert haben und damit (gemessen an der Einwohnerzahl) noch weitaus mehr als z.B. die ohnehin sehr gesprächsbereiten Deutschen (Quelle: Forum Mobilkommunikation), drängt sich trotzdem der Verdacht einer gewissen Abhängigkeit auf: Taugt ein Mobiltelefon vielen Menschen schon als Fetisch? Ist es ein klein wenig übertrieben, wenn um die Vorstellung eines neuen Modells ein Bahö gemacht wird, als wäre hier der Apple, pardon Apfel neu erfunden worden? Sind die Österreicher ihrem Handy vielleicht schon unerhört hörig?
Eine "Lifestyle-Erhebung" der GfK Sozial- und Organisationsforschung legte Zahlen auf den Tisch: 2003 gab es 44 Prozent regelmäßig in der Freizeit telefonierende Umfrageteilnehmer, 2011 waren es bereits 59 Prozent. Freizeit-Aktivitäten, denen die "Generation Facebook" nachgeht, sind an Schreibtisch und Handy gebunden, persönliche Kontakte werden mehr und mehr durch mediale und virtuelle ersetzt. Wer seinen Platz in der Herde der Mobil-Funker, Smart-Phoner und Android-Androiden hat, gleich zu seinem iGott betet und ohne die neueste "Für-was-auch-immer-App" keinen Appetit mehr hat, dem wird so nicht zuletzt auch eine zweite Identität verkauft. Virtuell zumüllen, aber bis obenhin bitteschön, und immer brav Ausschau halten nach dem neuesten Tarif: Der, den man hat, kann schon ja naturgemäß niemals der günstigste sein und macht einen spätestens beim Vertragsabschluss auf 36 Monate nicht wirklich glücklich und erfüllt.
Die selbst angelegte Fessel
Erreichbarkeit, wenn es wirklich darauf ankommt, kann natürlich ganz fabelhaft sein - und so ist unsere Gesellschaft heute auch getaktet, ob man will oder nicht. Oder kennen Sie selbst noch einen einzigen Menschen unter 65 Jahren, der sich den Luxus leisten kann, kein Handy zu haben? Andererseits kann sie aber auch fabelhaft krank machen, wenn es zu viel wird: "Wir leben heute in einer 'Pop-up-Gesellschaft', in der auf Handy-Displays und Bildschirmen ständig Fenster aufpoppen, die zum Multitasking zwingen", warnte einmal der deutsche Psychologe Heiko Schulz. Einmal gepoppt, nie mehr gestoppt - oder wie hieß das noch mal? War einem früher "Monoliving" für ein gutes Leben noch genug, muss es heute Multitasking sein. Schließlich muss man all die Funktionen seines neuesten iPhone ausprobieren, auch die eigentlich weitgehend sinnfreien natürlich. Um zu erahnen, wie es einmal war, als man auch ohne Handy noch ein kompletter Mensch sein konnte, muss man in der Zeitleiste gerade einmal 20 Jahre zurückgehen. Man muss dafür allerdings auch einiges an Vorstellungskraft aufwenden, zugegeben. Einige Dinge, so wie sie sind, einmal kritisch zu hinterfragen, hat freilich noch niemandem geschadet.
Höchst verhaltensoriginell ist auch jener heute verbreitete Typus Mensch, der mit einem Handy am Ohr reflexartig ein nicht mehr einzubremsendes Mitteilungsbedürfnis entwickelt: Nicht unbedingt demjenigen gegenüber, der am anderen Handy (vulgo "Rohr", wie es früher so flott hieß) mit ihm spricht, sondern seinem gesamten Aktionsradius gegenüber: Wer z.B. in der Straßenbahn von Umsitzenden die neuesten Nichtigkeiten in sämtlichen Schattierungen, detaillierte Krankheitsgeschichten oder Beziehungs-Streitigkeiten in allen Peinlichkeits-Abstufungen mitanhören "darf", ohne je danach gefragt zu haben, weiß, was gemeint ist. Dabei kann es sich natürlich um Unbedachtheit oder um in den öffentlichen Raum getragene Präpotenz handeln. Es kann aber auch wie der verzweifelte und reichlich peinliche Versuch wirken, dem eigenen Leben so einen Anstrich von Bedeutsamkeit zu verleihen: Ich teile mich drahtlos mit, am besten ungefragt, laut und allen - also bin ich. Sind Smart-Phones dann möglicherweise doch smarter als ihre Eigentümer?
Genervt darf man davon so oder sein - oder ist es eine "kulturtechnische Angelegenheit, mit der die Gesellschaft wohl umzugehen lernen müsse", wie der Berufsverband der österreichischen Psychologen dazu meinte? Nach dem "Handyverbot", das seinerzeit in den Grazer Öffis beworben wurde, krähte z.B. kein Hahn. Italiens Staatsbahnen FS wagten einen ähnlichen Versuch und führten "Relax-Waggons" ein, in denen Mobiltelefone und laute Unterhaltungen streng verboten sind. Die Garnituren sollen Passagieren gewidmet werden, die sich während der Reise ausruhen, in Ruhe lesen oder schreiben wollen. Die soll es ja noch geben. Oder geht ein "Menschenrecht aufs Handy" vor?
Unbekümmert durchgewinkt
Ein weiterer Aspekt: Die von Österreichs Bundesregierung unbekümmert und ungeniert durchgewinkte Vorratsdatenspeicherung könnte auch an Metternichsche Zeiten erinnern. Der Beweis, dass damit niemals Schindluder betrieben werden kann und wird, wurde nicht erbracht. Die Politiker haben mit der Absegnung derartiger Maßnahmen offenbar gar keine Probleme, so war es z.B. auch mit dem viel kritisierten "ACTA"-Abkommen. Dass es faktisch noch nie so einfach und verlockend war, Daten, Nummern, Gespräche und das private "Surf-Verhalten" aufzuzeichnen bzw. Aufenthaltsorte ausfindig zu machen, könnte in Summe eher davor abschrecken, allzu technikhörig zu sein. Jenem Sonderfall, der dann auch noch freiwillig und über Handypeilung auf Facebook mitteilt, wo er sich gerade befindet ("Facebook Places"), kann ohnehin kaum geholfen werden: Als 1983 mit dem Motorola DynaTac 8000X im griffigen Ziegelstein-Format das erste Handy auf den Markt kam, hätte sich das wohl der kühnste Prophet nicht ausmalen können bzw. wollen.
Abzuschalten war schon einmal einfacher. Doch wer Angst hat, etwas zu verpassen, verpasst möglicherweise - sich selbst. Kein Anschluss unter diesem Menschen...
Features
Umfrage
Wir möchten wissen: Wie wichtig ist das Handy?
Zahlen und Fakten
Die Anzahl der SIM-Karten in Österreich ist im vergangenen Jahr um 5 Prozent auf 12,9 Millionen gestiegen. Das heißt, dass im Durchschnitt jeder Österreicher über eineinhalb SIM-Karten verfügt. 2011 ist in Österreich die Menge der übertragenen Daten um drei Viertel auf 43,54 Millionen GB angewachsen - weltweit soll sich die Menge bis zum Jahr 2015 versiebenfachen, so Prognosen. 7,2 Milliarden Textnachrichten (SMS) wurden verschickt. Die vier Mobilfunkbetreiber haben derzeit etwa 11.800 Mitarbeiter, die ausstattende Industrie rund 2.500.






