Springe zu: Inhalt | Hauptnavigation | Seitenleiste | Fußzeile
  • Zur Kärnten-Ausgabe
  • 23. April 2014 19:10 Uhr | Als Startseite
    Neu registrieren
    Größer die Klassen und noch größer der Frust Gewinn für die Menschheit? Nein! Voriger Artikel Aktuelle Artikel: Thomas Golser Nächster Artikel Größer die Klassen und noch größer der Frust Gewinn für die Menschheit? Nein!
    Zuletzt aktualisiert: 14.04.2012 um 02:00 UhrKommentare

    Unsinkbar war am Ende nur der Mythos

    53.000 Tonnen Stahl, die in einer eisigen April-Nacht gut 1.500 Menschen in den Tod rissen, standen auch für die Fehlbarkeiten der Menschen und trügerische Technik-Gläubigkeit: Vor 100 Jahren sank die RMS Titanic knapp zwei Wochen nach ihrer Indienststellung - ihr Mythos ist sehr haltbar. Von Thomas Golser.

    Die Titanic, als sie am 10. April 1912 das englische Southampton verließ

    Foto © APDie Titanic, als sie am 10. April 1912 das englische Southampton verließ

    300.000 Tonnen gefrorenes Wasser gegen 53.000 Tonnen Schiffskörper - Sieger und Verlierer standen nach zweieinhalb Stunden fest: Als ein Ausguck am 14. April 1912 etwa 300 Seemeilen südöstlich von Neufundland 450 Meter voraus einen Eisberg ausmachte, war der Untergang der Titanic besiegelt. Ein eingeleitetes Ausweichmanöver kam zu spät, das Schiff kollidierte mit voller Reisegeschwindigkeit - 1.504 der 2.208 Passagiere und Besatzungsmitglieder wurden in den Tod gerissen: Um 23:40 hatte man der Gefahr ins Auge gesehen - gegen 02:20 versank das Ungetüm, das Heckteil steil aufgerichtet, vom enormen Druck in Stücke gerissen. Es gab für alle, die dafür bezahlt hatten zwar verschwenderischen Luxus an Bord - allerdings keine Ferngläser im Mastkorb und keine Suchscheinwerfer. Und die vollautomatischen Wasserschutztüren zwischen den abschottbaren Abteilungen des Schiffes waren am Ende bedeutungslos.

    Viel zu wenige, halb voll

    Als von Kapitän Edward John Smith gegen 00:15 das Kommando zur Räumung des Schiffes erging, waren die ersten Rettungsboote nur halb besetzt, weil man ihnen nicht vertraute: Von den vorhandenen 1.178 Plätzen, die das Anschlussticket zum Leben bedeuteten, wurden insgesamt nur 705 genutzt. Rettungsboote waren überhaupt nur für die Hälfte der Passagiere vorgesehen, nicht zuletzt angesichts viel zu laxer gesetzlicher Vorgaben und aus "optischen Gründen". Wer das Pech hatte, ohne viel Geld in die Arbeiterklasse geboren worden zu sein und in der dritten Schiffsklasse reiste, hatte schlechte Chancen. Leben und Kabinen ließen sich erkaufen. Verschiedenste Theorien gibt es bis heute über angeblich in der Nähe zur Titanic positionierte Schiffe. Über Schiffe, näher als die RMS Carpathia, die erst nach vier Stunden am Unglücksort eintraf und einsammelte, was noch am Leben war. Entsprechende Gerüchte halten sich z.B. von einem illegalen Robbenfänger aus Norwegen, der 50 Jahre später am Totenbett gebeichtet haben soll, mit seinem Schiff aus Angst vor Problemen davongefahren zu sein.

    Es gab in der Geschichte der Seefahrt (davor und danach) verlustreichere Schiffsunglücke, doch keines davon sorgte für einen annähernd gleichen Sog über viele Jahrzehnte, für einen derart langlebigen Mythos über Generationen. Die gesunkene Titanic wurde zum geflügelten Wort. Die Gründe dafür sind vielfältig: Im Grunde war der Untergang der Titanic im Jahr 1912 ein wuchtiger Schlag ins Gesicht der fortschrittsgläubigen Menschen. Der Koloss galt als "praktisch unsinkbar" - wenigstens hatte dies das Fachmagazin "The Shipbuilder" 1911 noch behauptet. Seine auf 270 Meter verteilte Konstruktion war der letzte Stand der Ingenieurskunst kurz vor dem ersten Weltkrieg. Der Mensch war vielleicht Herr über die Technik mit ihren damaligen Möglichkeiten, keineswegs aber über die Natur - und die eigenen Fehlbarkeiten: Ein Faktum, das 100 Jahre später durch das Drama um die Costa Concordia vor der italienischen Küste Bestätigung fand und schwer zu akzeptieren fällt: 1912 wie 2012 ein Symbol für die Zerbrechlichkeit des Menschen - und meistens braucht es bekanntlich keine Eisberge, um im eigenen Leben Schiffbruch zu erleiden.

    Das Drama um den ganzen Stolz der "White Star Line" trat den ersten großen medialen Hype des 20. Jahrhunderts los: Die Unglücksnachricht ging in wenigen Stunden von New York aus um die ganze Welt - und das in einer Zeit, in der es noch nicht einmal breitentaugliches Radio gab. Ein Medienecho, das Konsequenzen hatte: Als direkte Folge des Untergangs wurde im November 1913 die erste SOLAS-Konferenz über die "Sicherheit des Lebens auf dem Meer" abgehalten. Dass eine Geschichte wie diese auch die Kunst inspirierte, war klar. Nicht erst seit dem mit Schmalz und zwölf Oscars garnierten "Titanic"-Filmepos von James Cameron, in dem Leonardo DiCaprio seine Kate Winslet entblättern durfte, bevor er sich gen Meeresgrund verabschiedete. Laut augenzwinkernder BBC-Befragung hatte der Streifen immerhin das "Beste Filmende". Insgesamt gab es zehn Spielfilme - einer davon entstand im Nazi-Deutschland, Propagandaminister Joseph Goebbels wollten ihn nach dem Stalingrad-Inferno aber nicht im Kino spielen lassen.

    Natürlich keine Katastrophe ohne die dazu fein und weniger fein gesponnenen Verschwörungstheorien: In einem 1996 veröffentlichten Buch wird der Untergang der Titanic als kalkulierter Versicherungsbetrug dargestellt. Deren Autoren gehen so weit zu behaupten, nicht die Titanic, sondern ihr Schwesterschiff Olympic sei dort im Nordatlantik versenkt worden. Reinstes Seemannsgarn, wie man sich heute einig ist. Ebenfalls erfunden scheint das 90-Meter-Leck, das der Eisberg wie ein Skalpell in ein Drittel des Rumpfes geritzt haben soll. Einer der Titanic-Konstrukteure widersprach vehement: Gerade einmal 1,2 m² Leckfläche soll es gegeben haben - bereits durch diese kleine Fläche sollen aber in sieben Metern Wassertiefe 400 Tonnen Wasser pro Minute ins Schiff geflossen sein. Ob die Schiffskapelle mit dem Tod in den Augen und auf schon schiefen Schiffsplanken tatsächlich noch den Choral "Näher, mein Gott, zu Dir" gespielt hat - auch die Antwort darauf schoss mit 50-70 Stundenkilometer zum Meeresgrund.

    Bald ist nichts mehr übrig

    In den letzten 25 Jahren hat ein reger Tauch-Tourismus um das in 3.800 Meter Tiefe liegende Wrack eingesetzt - "All-Inclusive-Packages" wurden schon um 60.000 US-Dollar gesehen. Inzwischen ist von der Titanic freilich nicht mehr viel übrig, wie aktuelle Fotos zeigen: Experten sagen ihre völlige Zerstörung durch Eisenbakterien voraus, von der Grundform des Schiffes könnte schon in 10-15 Jahren nichts mehr übrig sein. Die Zeit, bis die Natur letzter Eigentümer des legendärsten Schiffes der Geschichte wird, wird "genutzt". Sein verrottendes Skelett wurde vermessen, analysiert, fotografiert, geplündert. Der Mensch weidet sich mit seiner ihm oft angeborenen Mixtur aus Schauder und Neugier auch 100 Jahre später noch an der Tragödie. Und so manches findiges Unternehmen verdient prächtig: Wer will, kann sich um astronomische Summen auch einen wuchtigen Chronographen aus Original-Titanic-Siemens-Martin-Stahl bestellen. Sich um das eigene Armgelenk binden, was damals mit unzähligen Menschen in die Tiefe raste. Der Wert der größten Sammlung von Fundstücken wurde 2007 auf 145 Millionen Euro geschätzt.

    Das Gedanke, die unzähligen Toten in der Tiefsee ruhen zu lassen, ging offenbar auch schon vor langer Zeit unter - zu finden ebenfalls auf der Position 41° 46' N, 50° 14' W.

    THOMAS GOLSER

    Foto

    Foto © APA

    Bild vergrößernZahlen und FaktenFoto © APA

    Foto

    Foto © Wikimedia Commons

    Bild vergrößernDie Unglücks-RouteFoto © Wikimedia Commons

    Foto

    Foto © Wikimedia Commons

    Bild vergrößernEinige ÜberlebendeFoto © Wikimedia Commons

    Zitiert

    Ich mag dieses Schiff immer noch nicht. Ich hege ein seltsames Gefühl ihm gegenüber, bis heute.

    Titanic-Hauptoffizier Wilde in einem Brief an seine Schwester

    Mehr Thomas Golser

    Mehr aus dem Web





      Seitenübersicht

      Zum Seitenanfang